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Rezension: Sachbuch : Held der Beinarbeit

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Das wäre nun mal was: Fragen eines lesenden Arbeitersportlers. Schließlich behauptet das Buch auch, eine der ersten Fragen Täves in Melbourne hätte dem Spielplan der Oper gegolten. Doch die Behauptungen und Klagen voller Schärfe verbinden sich ständig mit unscharfen Andeutungen. Was heißt "in jenen Jahren", und was bedeutet "erzählen lassen"? Wann und wo soll Schur einen persönlichen Eindruck vom Ungarn-Aufstand und seiner blutigen Niederschlagung gewonnen haben? Und vor allem: Warum sollte er seinen Lesern das verschweigen?

Wer da die Wahrheiten über die Welt raunt, sitzt seit Jahrzehnten im Windschatten Täves: Klaus Huhn, seinerzeit Sportchef des "Neuen Deutschland", Chefideologe der Sportberichterstattung in der DDR und Autor einer Handvoll Bücher über Schur. Er hat jetzt nichts anderes getan, als ein Werk von 1992 zu recyceln, das als "Das vierte Buch über Täve" erschien. Der Titel ist eine Anspielung auf Uwe Johnsons "Das dritte Buch über Achim".

"Ich habe selten anderen gestattet, für mich Entscheidungen zu treffen, und das führte auch zuweilen zu Konflikten", behauptet der Schur dieses Buches. Fatalerweise belegt allein die Existenz dieser Biographie, daß Schur eben doch der von Johnson beispielhaft beschriebene buckelnde Radfahrer ist, der sich ohne Rückgrat den Interessen der Partei unterordnet, der sich zu einem Mythos verklären läßt, der sich bis heute hergibt als Projektionsfläche für sozialistische Propaganda.

Der größte Teil der Arbeit von Huhn an dieser gemachten Erinnerung bestand darin, seinen eigenen Text in die erste Person zu setzen. Er jubelt Täve ein paar Hinweise auf Produkte seines Verlages unter und geniert sich nicht einmal, ihn erzählen zu lassen, daß er alle Ghostwriter ablehnte und statt dessen auf "meinen alten Freund Klaus Ullrich Huhn" stieß. Der Puppenspieler und seine Marionette sind sogar auf einem Foto abgebildet.

Da die wiederverwertete Vita mit ihren großen Lücken im Leben nach dem Sport offenbar zuwenig Seiten füllte - das Original hatte knapp hundert Seiten, nun sind es gut 250 -, wird sie um ellenlange Artikel, Berichte, Reden, Wahlergebnisse und sogar Leserbriefe aus Zeitungen ergänzt. Das lebendigste Bild von Täve findet sich ausgerechnet in einem Interview, das im "Neuen Deutschland" erschien, dem der Gegenwart.

Täve im Originalton ist krude. Über den Fall der Mauer sagt er: "Mein erster Gedanke? Hoffentlich bewahren die Grenzkumpels überall trotz des Trubels die Ruhe, damit nichts passiert." Das ist der Schur, der in Interviews erzählt, daß die Staatssicherheit "aus unserer Sicht natürlich klasse" war, daß der Mauerbau gerechtfertigt war, weil die Radhändler des Westens ihm beim Kauf eines Rennlenkers Westgeld abverlangt hatten, und daß Hitler seinerzeit die Probleme mit dem Autobahnbau gelöst habe. Wenn Schur sich über andere Dinge äußert als übers Radfahren, muß man ihn vor sich selbst schützen. Der Autor, der ihn aus Gewohnheit vor seinen Karren spannt, tut das nicht.

Diese Mischung aus impertinenter Propaganda und der Unfähigkeit, die unüberlegten Erinnerungen Schurs ins Reine zu bringen, macht die Lektüre dieses Buches so schwer. Andererseits belegt sie so gnadenlos, wie es kein Beobachter könnte, daß der Blick auf Gustav-Adolf Schur von einem Popanz namens Täve verstellt ist.

"Täve". Die Autobiographie. Gustav-Adolf Schur erzählt sein Leben. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2001. 256 S., Abb., geb., 34,- DM.

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