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Rezension: Sachbuch : Heimweh nach der Barbarei, letztes Wort der Zivilisation

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Die Gewalt am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts: Wolfgang Sofskys apokalyptischer Auszug aus der Geschichte / Von Ulrich Raulff

          12 Min.

          Ein Gespenst wandert durch die Debatten unserer Tage, das Gespenst der Gewalt. Obgleich es sich in immer neuer Form manifestiert, mehren sich die Zeiten, in denen alle Diskurse der Öffentlichkeit wie Variationen eines beherrschenden Themas erscheinen. Seit Monaten flaut der Streit nicht ab um das Buch eines Autors, der ein ganzes Volk dafür zur Rechenschaft zieht, bereitwillig ein infames Mordprogramm exekutiert zu haben. Den Spätsommer füllten die Nachrichten aus Belgien, Berichte von organisierten, sadistischen Verbrechen an Kindern, dazu angetan, dem Verlangen nach Wiedereinführung der Todesstrafe neuerlich Gehör zu verschaffen. Die Gewalt, so scheint es, ist zurückgekehrt in die innersten, gehegtesten Bereiche der Zivilisation, und niemand hat die Mittel, sie wieder zu vertreiben. Wohl berühren die Diskussionen, die das Buch von Daniel Goldhagen auslöste, und die Empörung, die die Verbrechen von Lüttich und Charleroi hervorriefen, verschiedene Epochen und inkommensurable Dimensionen des Bösen. Und doch haben sie zwei Dinge gemeinsam. Sie erinneren unsere zivilisierten Gesellschaften an die Latenz der Gewalt, die seit dem Lagerfeuer der Urhorde die Gemeinschaft bedroht - und sie konfrontieren sie mit einer Faszination durch das Böse, die zu den stärksten Reizen nächst der Gewalt gehört; sie überführen sie der eigenen, perversen Schaulust an der Gewalt.

          Ist moralische Empörung über die Gewalt die natürliche Reaktion der Öffentlichkeit, so besteht die Aufgabe des Wissenschaftlers darin, nach ihren Ursachen zu forschen. Es war Daniel Goldhagens erklärte Absicht, ein Motiv dafür zu finden, daß durchschnittliche Deutsche, Kirchgänger und Familienväter, zu blutrünstigen Unmenschen wurden. Im eliminatorischen Antisemitismus der Deutschen meinte er ein solches Motiv gefunden zu haben. Mit dieser Erklärung versehen, wandte er sich der "Phänomenologie des Tötens" zu, vertiefte er sich ins grausame Detail des Genozids. Auch das jüngste Buch des Göttinger Politologen Wolfgang Sofsky sucht eine Erklärung zu finden für die Logik der entfesselten Gewalt, in der der Wahn des zwanzigsten Jahrhunderts Methode wurde. Der Autor eines der bemerkenswertesten Bücher, die über die Welt der Konzentrationslager geschrieben wurden ("Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager", 1993), nähert sich dem Phänomen der Gewalt nicht, wie Goldhagen, auf dem Weg historisch-genealogischer Ursachenforschung. Sofskys "Traktat über die Gewalt" versucht sich in einer Kunst der Beschreibung, zwischen deren Zeilen theoretische Figuren sichtbar werden: Phänomenologie, die sich zur Anthropologie hin öffnet.

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