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Rezension: Sachbuch : Havelange und Blatter als Kunsträuber Wurde Fußball durch eine Kopie ersetzt?

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Ein Buch über die FIFA, das in der Schweiz nicht vertrieben werden darf

          Die Zusammenfassung am Ende des dritten Teils klingt entmutigend. Indem der Autor eine Liebeserklärung an den Fußball vorausschickt, macht er deutlich, wie schwer der Verlust wiegt, den er beklagt. "Der Fußball ist tatsächlich ein schönes Spiel - klassenlos und einend. Er hat uns eine universelle Sprache gegeben. Er hat großartige Ideale geliefert. Er hatte Integrität, er hatte Ehrlichkeit, er hatte ethische Grundsätze, und er hatte Moral. Heute nicht mehr. Sie haben das alles gestohlen. Sie haben das Spiel gestohlen."

          Der englische Journalist und Fußballliebhaber David A. Yallop untersucht in seinem Buch "Wie das Spiel verlorenging" die Gründe und die Folgen einer Niederlage. Die Protagonisten dieses Spiels sind keine jungen Sportler, die in kurzen Hosen dem Ball hinterherjagen, sondern "vorwiegend Männer in mittleren Jahren und alte Männer; die meisten von ihnen beleibt und Zigarettenraucher". Das Spiel hat nicht neunzig Minuten gedauert, sondern vierundzwanzig Jahre - von 1974 bis 1998. In dieser Zeit amtierte der brasilianische Unternehmer João Havelange als Präsident des Fußball-Weltverbandes (FIFA). Der Autor beschreibt den Aufstieg Havelanges vom Wasserballdirektor im Clube de Regatas Botafogo zu einem der mächtigsten Sportführer der Welt. Mit diesem Aufstieg sei der moralische Abstieg des Weltfußballs einhergegangen.

          Das vierhundert Seiten starke Buch ist eine Mischung aus Biographie, Enthüllungsgeschichte und Anklageschrift. "Raub", Korruption, Bilanzfälschung, Amtsmißbrauch und unlauterer Wettbewerb lauten die Vorwürfe. Der "Hauptangeklagte" ist Havelange. Yallop wirft ihm vor, er habe den Fußball, genauer: die Fußball-Weltmeisterschaft, einen "Topf voll Gold", wie sein Privateigentum behandelt. Er habe gemeinsame Sache gemacht mit Partnern, für die Fußball nichts anderes sei als ein Produktionsfaktor, der zur Gewinnmaximierung diene. Zu Havelanges wichtigsten Partnern zählte Horst Dassler, der frühere Inhaber der Sportartikelfirma "Adidas". Er soll das Geld zur Verfügung gestellt haben, das Havelange brauchte, um Wahlversprechen einzulösen und Schmiergelder zu zahlen. Nachdem der Brasilianer 1974 den damaligen FIFA-Präsidenten Sir Stanley Rous in einer Kampfabstimmung besiegt hatte, habe Dasslers Agentur zu äußerst günstigen Preisen die Rechte zur Vermarktung der Fußball-Weltmeisterschaften erworben. Seitdem beherrsche eine Allianz aus Medien und Sponsoren das Geschäft, schreibt Yallop. Ein Geschäft, das scheinbar unbegrenztes Wachstum garantiert. "Es ging nicht länger um Fußball. Es ging um Produkte, um Sponsoring, um Werbung. Es ging um Geld. Das Spiel? Das hatte man gestohlen. Wie bei professionellen Kunsträubern, die ein Meisterwerk stehlen, war es durch eine raffinierte Kopie ersetzt worden."

          Nicht nur mit Kaufleuten habe Havelange erfolgreich Doppelpaß gespielt, auch mit den Militärdiktaturen verschiedener Länder. Warum das Zusammenspiel so gut funktionierte, erläuterte er selbst in einem Interview mit Yallop. "Ich hatte meine Aufgabe zu erfüllen, sie (die Militärjunta) die ihre. Aber wir waren weiterhin Freunde. Ganz besonders, weil ich mich politisch nie betätige", wird Havelange zitiert. Der Einwand Yallops, er halte Havelange "für einen der politischsten Menschen, die mir je begegnet sind", blieb nicht ohne Wirkung. Für einen Augenblick habe "der Mann, der die Aufgeblasenheit zu einer Kunstform erhoben hatte", ausgesehen "wie ein ein riesiger Bluthund, den man getadelt hat".

          Seinen wohl wichtigsten Gefolgsmann in der FIFA-Zentrale fand der Präsident in Joseph S. Blatter. In diesem Jahr erkor Havelange den Schweizer zu seinem Nachfolger. Daß ihn auch die Mehrheit der Delegierten wählte, soll laut Yallop auf die gleiche Art erreicht worden sein wie 1974, als Havelange den ehrenwerten Sir Rous aus dem Amt drängte: mit gekauften Stimmen. Blatter hat der FIFA und den Verbänden "Kontinuität" versprochen. Sein Wahlsieg über den schwedischen UEFA-Präsidenten Lennart Johansson sichere dem 82 Jahre alten Havelange die weitere Teilhabe an der Macht, befürchtet Yallop. Er bezeichnet Blatter als Havelanges "Schweizer Gnom auf dem Thron".

          Viele Vorwürfe, die Yallop erhebt, klingen schlüssig. Oft aber bleibt es bei Unterstellungen und Indizien. Neue Beweise hat der Autor nicht vorgelegt. Beim Bezirksgericht im schweizerischen Ort Meilem hat Blatter eine einstweilige Verfügung erwirkt, die den Vertrieb des Buches innerhalb der Schweiz untersagt. In Deutschland und anderen Ländern darf es weiter verkauft werden. Der Kläger macht geltend, sechzehn Passagen verletzten seine Persönlichkeitsrechte. Daß Yallop bisher keine Beweise geliefert hat, muß jedoch nicht heißen, daß er keine besitzt. Unter Mithilfe von achtzig bis hundert Personen habe er alle heiklen Passagen mit zwei Quellen doppelt abgesichert, sagt der Autor. Angst vor dem mächtigen Blatter scheint er nicht zu haben. "Ich werde mein Buch selber im Gerichtssaal verteidigen." Gelingt es Yallop, seine Behauptungen zu beweisen, hätten wir die Gewißheit, daß das Spiel verloren ist. Das wäre traurig. Denn in diesem Wettbewerb gibt es kein Rückspiel. RICHARD LEIPOLD

          "Wie das Spiel verlorenging. Die korrupten Geschäfte zwischen FIFA und Medien". David A. Yallop. Econ Verlag, München, 320 Seiten, 39.80 Mark.

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