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Rezension: Sachbuch : Hauptsache, man hat festen Grund

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Das Leben ist eine Baustelle: Nach Peter Neuners ökumenischer Theologie ist die Kirche nie vollständig fertig.

          Der von Peter Neuner, Professor für Dogmatik an der Universität München, vorgelegten "Ökumenischen Theologie" ist ein großer Leserkreis zu wünschen. Der katholische Theologe möchte die Fortschritte auf dem Gebiet der Ökumene weit in die Kirchengemeinden hinein bekannt machen, um auch dort die Einigung der Christenheit voranzubringen. Neuner verbindet wissenschaftliche Gründlichkeit und verständliche Ausdrucksweise. Lobenswert ist ferner, daß er stets auch selbst Stellung bezieht und dabei einen guten Blick für das jeweils Mögliche und Notwendige beweist.

          Neuner verfolgt den Begriff "Ökumene" von der Antike bis zur modernen Erweiterung des Blicks auf die nichtchristlichen Religionen, insbesondere die jüdische Religion. Getreu dem herkömmlichen Verständnis von Ökumene konzentriert er sich freilich auf das Verhältnis der christlichen Kirchen zueinander. Unter den Motiven für die Bemühungen um die Einheit der Christen steht an erster Stelle der Auftrag Jesu, darauf folgen die Glaubwürdigkeit und Weltverantwortung der christlichen Kirchen und schließlich die Überwindung aller Einseitigkeiten. Als "Geburtsstunde der modernen Ökumenischen Bewegung" gilt die Weltmissionskonferenz in Edinburgh (1910) mit der imponierenden Zahl von 1335 Delegierten. 1921 wurde der Internationale Missionsrat gegründet, aus ihm ging 1948 der Ökumenische Rat der Kirchen in Amsterdam hervor. Wichtiger noch waren die von Erzbischof Nathan Söderblom initiierte Weltkonferenz für Praktisches Christentum 1925 in Stockholm und die erste Weltkonferenz für Glaube und Kirchenverfassung 1927 in Lausanne, bei denen alle Konfessionen außer der römisch-katholischen vertreten waren. Eine ausführliche Darstellung finden die Vollversammlungen des Ökumenischen Rats der Kirchen zwischen 1954 und 1991.

          Die römisch-katholische Kirche ist heute noch nicht Mitglied des Ökumenischen Rats der Kirchen. Pius XI. sprach sich in der Enzyklika "Mortalium animos" (1928) entschieden gegen die langsam Boden gewinnende ökumenische Bewegung aus: "Können wird dulden, was doch eine große Gottlosigkeit wäre, daß die Wahrheit zum Gegenstand von Verhandlungen gemacht wird?" Auf strikte Ablehnung stieß bei diesem Papst auch die Unterscheidung zwischen "sogenannten ,grundlegenden' und ,nichtgrundlegenden' Glaubenswahrheiten". Man dürfe "die Menschwerdung unseres Herrn nicht anders glauben als das unfehlbare Lehramt des Papstes". Eine Wende bahnte sich erst mit Johannes XXIII. an, der 1959 bekundete: "Wir wollen nicht aufzuzeigen versuchen, wer recht und unrecht hat. Die Verantwortung ist geteilt. Wir wollen nur sagen: Kommen wir zusammen, machen wir den Spaltungen ein Ende." Johannes Paul II. verfolgt mit Blick auf das Jubiläumsjahr 2000 die Vereinigung zumindest mit den Kirchen des Ostens als festes Ziel. Er weiß wohl, daß das Amt des Papstes selbst das größte Hindernis darstellt.

          Als Kernstück des Buches darf das Kapitel "Theologische Hauptprobleme" gelten. Ein Hauptproblem ist das Verhältnis zwischen Heiliger Schrift und Tradition. Nicht ohne Verwunderung liest man Neuners Feststellung: "Es bleibt eine eigentümliche Tatsache, daß in der Auslegung der Schrift jedenfalls zwischen den großen Kirchen bei allen offenen Detailfragen sich kaum kirchentrennende Differenzen festmachen lassen, daß diese Übereinstimmung jedoch kaum Frucht bringt für Konvergenzen in den Lehraussagen." Unterschiedliche, aber nicht unüberwindliche Schwierigkeiten sieht der Autor in der Realpräsenz Jesu Christi bei der Messe und im Opfercharakter der Messe. Solange die Eucharistiegemeinschaft an die Kirchengemeinschaft gebunden bleibt, gibt es keine allgemein befriedigende Lösung. Was das geistliche Amt betrifft, so hält Neuner die anglikanischen Weihen für gültig. Er tritt auch für die Anerkennung der Ämter in den reformatorischen Kirchen ein. Nach seiner Meinung besteht hinsichtlich der (katholischen) Priesterweihe und der (reformatorischen) Ordination in der Sache selbst Übereinstimmung.

          Ebenso hält er in puncto Papsttum eine Einigung durchaus für möglich. Dabei kann er auf Johannes Paul II. verweisen, der in der Enzyklika "Ut unum sint" 1995 seine Bereitschaft erkennen ließ, "eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet". Den Zweck des Papstamtes sieht Neuner darin, "die Einigung der Orts- und Teilkirchen in der universalen Kirche zu befördern". Heftig umkämpft ist in unseren Tagen wieder die Lehre von der Rechtfertigung. Umstritten ist dabei nicht die Rechtfertigung des einzelnen Menschen, sondern die Auswirkungen der Rechtfertigung auf kirchliche Institutionen, insbesondere auf das Lehramt der Kirche.

          Zum Schluß untersucht Neuner, welche Konsequenzen aus den theologischen Annäherungen oder Übereinstimmungen bereits gezogen wurden oder erst noch zu ziehen sind. Er betont, daß Grundkonsens wie Grunddifferenz nebeneinander bestehenbleiben könnten. Bei der genauen Prüfung verschiedener ökumenischer Zielvorstellungen, die im Laufe der Jahrhunderte entwickelt wurden, entscheidet der Autor sich für das Modell der Koinonia, wie es schon das Zweite Vatikanische Konzil und erst jüngst die Vollversammlungen des Ökumenischen Rats der Kirchen in Canberra (1991) und Santiago de Compostela (1993) gezeichnet haben. Dabei ist "die Kirche am Ort nicht nur ein Unterbezirk der Universalkirche, andererseits ist die Universalkirche nicht nur ein nachträglicher Zusammenschluß von Ortskirchen". Diese Definition gilt nach Neuner auch für die römisch-katholische Kirche, denn "es ist auch für sie nicht richtig, die Weltkirche mit Rom gleichzusetzen und sie als weltweit organisierte Stadtkirche Roms zu sehen".

          GEORG DENZLER

          Peter Neuner: "Ökumenische Theologie". Die Suche nach der Einheit der christlichen Kirchen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1997. 305 S., geb., 68,- DM

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