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Rezension: Sachbuch : Haudraufundschluß in Amerika

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Man rücke den Sessel zurecht und sorge für angenehmes Licht. Dann kann man sich von Herbert Asburys 1928 erstmals publizierten fachmännischen Geschichten aus der New Yorker Unterwelt fesseln lassen. Asbury erhebt ausdrücklich keinen wissenschaftlichen Anspruch. Aber er kann gut beobachten und glänzend erzählen. Man versteht alles.

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          Man rücke den Sessel zurecht und sorge für angenehmes Licht. Dann kann man sich von Herbert Asburys 1928 erstmals publizierten fachmännischen Geschichten aus der New Yorker Unterwelt fesseln lassen. Asbury erhebt ausdrücklich keinen wissenschaftlichen Anspruch. Aber er kann gut beobachten und glänzend erzählen. Man versteht alles. Selbst die vielen Namen behält man, weil man das Gefühl hat, man habe sie schon einmal gehört. "Razor Riley" nannten sie so, weil er besonders geschickt mit dem Rasiermesser war. Die Namen der Kneipen waren meist großspurig, oft aber auch witzig und ironisch. "House of Lords" hieß eine, eine andere folglich "House of Commons". Ein Sonderlob gebührt der Übersetzerin. Sie hat Sinn für Lakonie, und sie hat viel Atmosphäre ins Deutsche gerettet.

          New York hat den besten natürlichen Hafen der Ostküste und wurde deshalb ein Treff für Einwanderer. Viele blieben dort hängen. Bei der ersten Volkszählung 1790 hatte die Stadt 33000 Einwohner, 1800 fast die doppelte Zahl, 1840 die zehnfache und 1900 die hundertfache: 3,4 Millionen. Deutsche, Iren, Polen und Italiener bildeten die größten Gruppen. Sie wohnten für sich und möglichst eng beisammen. Die Politiker waren korrupt, die Polizei war schwach. Jeder mußte sich selbst helfen - wie im Wilden Westen, nur mit etwas anderen Waffen.

          In New York trug man zwar auch Revolver, aber keine Gewehre, sondern Schlagringe und Knüppel. Pferde gab es kaum, aber Schiffe und viele Kinder, die schon im zarten Alter zu Dieben, Betrügern und Prostituierten abgerichtet wurden. Der wichtigste Unterschied war: Im Wilden Westen konnte man sich ausweichen, in New York nicht. Das begünstigte die Bandenbildung. Asbury führt sie allerdings - auch in diesem Punkt puritanisch - auf Armut und Elend zurück, die prinzipiell vermeidbar scheinen. Da die Politik das Elend nicht verhinderte, konnte sie nur korrupt sein.

          Jedenfalls drängten sich die Menschen im Süden Manhattans immer dichter zusammen und traten einander immer häufiger auf die Füße. Dabei müssen sie eine Art Psychose und eine latente Wut entwickelt haben. Denn: "Damals gab es unter Gangstern kein Pardon - wenn ein Mann verwundet zu Boden ging, fielen die Gegner begeistert über ihn her und traten ihn zu Tode." Andererseits engagierten sich viele Gangs bei der freiwilligen Feuerwehr. Oft kämpften sie "so erbittert um die Hydranten, daß sie gar nicht dazu kamen, das Feuer zu löschen".

          Eine solche Wildwestkomik ist nur möglich, wenn die Grunderwartungen der westlichen Gesellschaft trotz allem respektiert werden. Anders als zum Beispiel in den brasilianischen Elendsquartieren, den Favelas, zu denen die Polizei keinen Zutritt hat, spielte die Polizei in New York immer mit, gelegentlich als Komplize, meist als Gegner. Ihr Verfahren war einfach. Captain Walling "verteilte eine Namenliste der Honeymooners an alle Streifenpolizisten des Bezirks, und jeder Gangster, der sich blicken ließ, wurde ohne viel Federlesens zusammengeschlagen. Binnen zwei Wochen brach die Honeymoon-Gang auseinander."

          Hochverrat und Konkursdelikte kommen naturgemäß nicht vor. Sie setzen geordnete Verhältnisse voraus. Viele Gangs verdienten aber an der Politik mit Auftragsmorden und Wahlbehinderungen, selbstverständlich für die politische Partei, die am besten zahlte. Auch Arbeitskämpfe boten ihnen Einkünfte. Entweder schützten sie Streikbrecher im Auftrag der Arbeitgeber, oder sie verprügelten sie im Auftrag der Gewerkschaften. Meist waren Gangs auf beiden Seiten beteiligt. An den großen Krawallen, die die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1863 während des Bürgerkrieges auslöste, haben die Gangs allerdings weniger aus geschäftlichen Gründen und mehr aus Lust an der Randale teilgenommen. Asbury legt die Beweggründe der einzelnen Gruppen filigran auseinander und liefert einen bewegenden Kampfbericht. Die Aufrührer "plünderten, brandschatzten und mißhandelten Schwarze, da sie diese für den Krieg und damit indirekt auch für die Einberufung verantwortlich machten". Die Regierung mußte Artillerie einsetzen. Aber gegen wütende Massen helfen letztlich nur Massen an Soldaten. Die erschienen auch. Der Sieg der Nordstaaten bei Gettysburg (1. bis 3. Juli 1863) hatte sie freigesetzt.

          Besonders bemerkenswert: Während der Krawalle ruhte die Parteipolitik nicht. Die Opposition (Demokraten) verwandte sich für die Randalierer. "Ein demokratischer Richter führte in einer außerordentlichen Sitzung einen Musterprozeß, erklärte das Wehrpflichtgesetz feierlich für verfassungswidrig und forderte die Leute eindringlich zum Widerstand gegen seine Umsetzung auf." Das bei schätzungsweise zweitausend Toten. Amerika, du hast es besser!

          In den zwanziger Jahren endete die goldene Zeit der Gangs. Die Helden verloren an Format. Das Publikum begegnete den Gangstern lieber im Kino als auf den Straßen. Grundstücke und Häuser wurden so teuer, daß man sie mit Einkünften aus Mord und Totschlag nicht mehr finanzieren konnte. Die Wahlverfahren wurden fairer, und mit "Reformen" konnte man Wahlen gewinnen. Der Nährboden für Verbrechen, die Muskelkraft benötigten, trocknete aus.

          GERD ROELLECKE

          Herbert Asbury: "Die Gangs von New York". Eine Geschichte der Unterwelt. Aus dem Englischen von Anja Schünemann. Wilhelm Heyne Verlag, München 2001. 448 S., Abb., br., 8,95 [Euro].

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