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Rezension: Sachbuch : Hat er Triefaugen, Glotzaugen, Fischaugen?

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Oder schaut er einfach nur bescheuert? Claudia Schmölders studiert Hitlers irren Blick / Von Willibald Sauerländer

          Ein aufregendes, irritierendes Buch, angesiedelt zwischen den Grenzen etablierter Disziplinen: der politischen Zeitgeschichte und der schillernden Physiognomik. Es handelt von der Physiognomisierung der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland, welche ihren unheilvollen Höhepunkt im Nationalsozialismus erreichte. Ihr Zentrum und ihre Leerstelle war das Gesicht Hitlers. Es geht also nicht um Ereignisse. Es geht auch nicht um die visuelle Manipulation von Macht. Ziel ist die Auslotung jener physiognomischen Sehnsüchte in der deutschen Gesellschaft nach der Novemberrevolution 1918, welche die Andacht und den Schauer vor dem Antlitz des Führers ermöglichten. Dieser physiognomische Zugriff ist Stärke und Originalität, freilich auch Gefahr dieses Buches.

          Claudia Schmölders bettet ihre Biographie von Hitlers Gesicht in das Weichbild der physiognomischen Moden ein. Der "Verlust des Gesichts" durch den Zusammenbruch der alten Gesellschaft und die Demütigung der Niederlage von 1918 wurden kompensiert durch eine Flut von Veröffentlichungen über das deutsche Antlitz. Den Ahnengalerien der Entthronten antworten die neuen "Porträtgalerien von unten", welche das namenlose fotografierte Volk in seinen Gesichtern auftreten lassen. Die Welle dieser Publikationen reicht von Sanders "Antlitz der Zeit" über Lendvai-Dircksens "Deutsches Volksgesicht" bis zu Hellpachs "Deutscher Physiognomik".

          "Nicht groß und nah genug kann ich die Gesichter vor mir haben, um in ihrer Landschaft zu lesen", bekannte 1937 Lendvai-Dircksen. Weniger an den von Schmölders angeführten, immerhin wahrheitsfanatischen Lavater denkt man als an die älteren Vorstellungen vom Makro- und Mikrokosmos oder an Cardanus, der aus den Falten auf dem Gesicht das Schicksal der Menschen lesen wollte. Angesichts der schwülstigen Ergüsse von Salin über das Antlitz Georges - "Stirn, die hart und gewaltig über dem Haupt thront" - oder jener von Bölsche über das Gesicht Haeckels - "stolze Feste mit ihrem Wolkenschnee, der heute den obersten Wirbel dieses allzeit geraden Rückgrats krönt" - fällt es schwer, sich nicht an die religiöse Praxis der frommen Versenkung in das Antlitz des Erlösers - etwa das Mandylion - zu erinnern. In der physiognomischen Mode waren mehr Dunkelheiten und Irrationalismen im Spiel, als Schmölders in ihrem vorzüglichen facettenreichen Panorama erkennen läßt. Heidegger, der im Gespräch mit Jaspers seine Bewunderung für die Hände Hitlers offenbart; das hört sich an wie die gestaltpsychologische Wiederkehr der Chiromantie.

          Die Frage von Schmölders' Buch lautet: Wie hat sich das Bild von Hitlers Gesicht in diese physiognomisierte Prädisposition der deutschen Gesellschaft eingeblendet? Vor 1918 finden sich kaum Spuren von Hitlers Zügen. Die Fotos des Babys, des verzückten Kriegsfreiwilligen, des schnauzbärtigen Frontsoldaten mit der verschwommenen Visage geben für die Anamnese der Physiognomie des "Führers" kaum etwas her. Diese Physiognomie kam aus dem Nichts. Für die Zeit zwischen 1918 und 1923, die Initiationsphase des Politikers Hitler, kommt Schmölders zu einem signifikant negativen Befund. Der "Trommler" war zunächst nicht als Bild, sondern nur akustisch, als Stimme, präsent. "Ihr habt eine Stimme gehört und seid ihr gefolgt, ohne den Träger der Stimme auch nur gesehen zu haben" wird er später - 1936, in der Zeit der Volksempfänger - seinen Anhängern zurufen.

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