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Rezension: Sachbuch : Hannover nahm schon in den zwanziger Jahren die Pille

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Erschöpfende Neulandvermessung: Ines Katenhusen kartographiert einen Nebenwirkungsschauplatz der Moderne

          Obwohl es keine Universalgeschichte zum Thema Kunst und Politik bietet, sondern nur eine Stadt und einen begrenzten Zeitraum ins Blickfeld rückt: Ines Katenhusen ist es gelungen, zunächst die Auseinandersetzungen mit der Moderne, die im Hannover der Weimarer Republik schwere Kämpfe mit sich brachten, nahezu erschöpfend darzustellen und dann - einen Verleger für ihr Buch zu finden, das 782 großformatige und eng bedruckte Seiten umfasst. Wer bislang mit der Stadt an der Leine eine Keksfabrik und allenfalls Schwitters oder "die abstrakten Hannover" verband, kann sich nun bis ins Letzte darüber informieren, welche Funktion und welchen Stellenwert hier zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus Kultur hatte - Theater, Bildende Kunst, Literatur - und was man darunter verstand.

          Obwohl Hannover bekanntlich jenseits selbst sanfter Hügel gelegen ist, tun sich tiefe Abgründe auf und Berge - von dreckiger Wäsche. Im Spannungsfeld zwischen "Unsittlicher Literatur und Deutscher Republik", so eine in Hannover verlegte Schrift zum Pornographie-Paragraphen 184, zwischen Heimatbund und modernem Ausdruckstanz, Volksbühne und Merz-Kunst spricht Katenhusen zu Recht Animositäten, Intrigen, Amouren und anderen Klüngel an. Sie sind Motive für Entscheidungen, die bisweilen das Klima einer Gesellschaft vergiften oder verbessern, oft über Jahre hinweg. Die Autorin macht zwar deutlich, dass diese 1920 neuntgrößte deutsche Stadt, die sich auf vielen Feldern am Vorbild der Reichshauptstadt orientierte, teils durch lokale Traditionen oder Besonderheiten der Kommunalpolitik geprägt waren. Debatten, die etwa in München, Berlin oder Köln bereits geführt waren, wurden hier mit Verzögerung ausgetragen, so gut hatten Abwehrmechanismen lange wirken können. Sie hätte jedoch auch Frankfurt oder Dresden untersuchen können. Denn trotz der zahlreichen und nicht zu unterschätzenden Spezifika würde man nicht zu absolut, so aber doch zu annähernd ähnlichen Ergebnissen kommen: Hannover liegt mitten in Deutschland.

          Im Mittelpunkt stehen die städtische Kunst- und Kulturpolitik, einerseits den Umgang mit dem Theater, andererseits Erwerbungen bildender Kunst, und Künstlerförderung, schließlich die Kunst- und Kulturpublizistik. Jeweils relativiert wird die Beschränkung obrigkeitlicher Aktionen durch den Blick auf Initiativen Einzelner, durch die Berücksichtigung sowohl privater Theater als auch des Mäzenatentums und bürgerlicher Anstrengungen zur Förderung der bildenden Kunst.

          Der Stadtdirektor und Kunstsammler Heinrich Tramm gibt ein Beispiel dafür, wie die öffentliche Förderung bestimmter Künstler wie Ferdinand Hodler auf Entscheidungen einer einzigen Person zurückgehen kann. Gemäßigt modern sollte Kunst in Hannover sein, was den Einzug von Expressionismus und Dadaismus in die Gefilde kommunaler Förderung ausschloss. Als Stadtdirektor amtierte Tramm von 1891 bis 1918, doch die Hannoveraner Weichen waren damit gestellt, zumal er auch noch in den zwanziger Jahren in entscheidenden Positionen kommunalpolitisch aktiv blieb. Gleichfalls machen die Kämpfe um die Übernahme des preußischen Hoftheaters und um die Spielpläne nach 1918 deutlich, dass den Stadtoberen in Hannover an einer "gediegenen Mittellinie" gelegen war. Die Bürgerlichen konnten dabei auf die ihnen grundsätzlich im Vorigen suspekte Sozialdemokratie zählen, deren Verständnis für extreme Äußerungen nicht unbegrenzt war. Zur Sprache kommt dabei auch, inwiefern es Rückhalt in der Bevölkerung bei der Eindämmung des Progressiven gab, etwa bei den Theaterzuschauern.

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