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Rezension: Sachbuch : Halb Mensch, halb Mailer

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Mailer als Biograph Jesu Bild: dpa

Norman Mailer, einer der großen alten Männer der amerikanischen Gegenwartsliteratur, hat Jesu Autobiographie niedergeschrieben.

          Albert Schweitzer kam schon 1906 in seiner "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" zu einem vernichtenden Resultat: Jesus-Viten sagen grundsätzlich mehr über den Autor aus als über den Dargestellten. Den Mangel an gesicherten historischen Kenntnissen hatten die Biographen durch Assoziationskraft überspielt. Auch in unserem Jahrhundert wollten zahlreiche Dichter und Denker den fernen, fremden Mann aus Nazareth vergegenwärtigen. Nun ist jedoch endlich eine epochale literarische Revolution zu vermelden.

          Erstmals können wir Jesu Autobiographie lesen. Und aus dem Munde des Messias selbst erfahren, was er gedacht, erlebt und erlitten hat. Nach zweitausendjähriger Parusieverzögerung haben wir endlich das einzig authentische, vom Heiland selbst abgelegte Zeugnis seines Wirkens. "Obwohl ich nicht sagen möchte, daß Markus' Evangelium falsch ist, enthält es viel Übertreibung. Und noch weniger traue ich Matthäus und Lukas und Johannes, denn sie legten mir Worte in den Mund, die ich nie ausgesprochen habe, und schilderten mich als sanftmütig, während ich rot vor Zorn war. Deshalb will ich meinen eigenen Bericht geben. Wer fragt, wie meine Worte auf diese Seiten gelangt sind, dem rate ich, es als ein kleines Wunder zu betrachten."

          Das Rätsel der wundersamen Überlieferung des fünften, einzig wahren Evangeliums löst die Presse New Yorks. Norman Mailer, einer der großen alten Männer der amerikanischen Gegenwartsliteratur, hat Jesu Autobiographie niedergeschrieben. Zur Vermeidung möglicher Mißverständnisse demonstriert er in Interviews seine exzeptionelle Fähigkeit, sich in den Gekreuzigten zu verwandeln. Den schreibenden Juden aus Brooklyn verbindet mit dem beschriebenen Juden aus Nazareth mehr als nur eine tiefe Seelenverwandtschaft oder eine Gleichartigkeit von Glaube und Weltsicht. Es ist die komplizierte doppelte Konstitution ihrer Subjektivität, die Mailer Jesus selbst zu imaginieren erlaubt.

          Ernsthaft will der Autor, ganz wie Jesus, mehr als nur ein Mensch sein. Zwar scheinen Mailers Lesergemeinden ihm den Christustitel noch zu verweigern. Aber zahllose Literaturpreise haben den Autor erkennen lassen, "what it's like to be half a man and half something else, something larger". In früheren Romanen hatte Mailer diverse Ikonen des zwanzigsten Jahrhunderts gefeiert. Er schrieb über Muhammed Ali, Marilyn Monroe, Pablo Picasso und Lee Harvey Oswald, den Kennedy-Mörder. Für seinen dreißigsten Roman mußte er sich etwas Neues einfallen lassen. Nun will er den Mailer-Jesus, das heißt sich selbst, als absolute Ikone inszenieren. Fulton Oursler hatte die Geschichte von Jesu Leben und Sterben als "The Greatest Story Ever Told" bezeichnet. Mailer macht sich dies zu eigen.

          Wer Jesu Autobiographie schreiben kann, will sich zur Rechten Gottes erhöht wissen und in Stockholm bald Nobels Preis erhalten. Die von amerikanischen Rezensenten gestellte Diagnose der präsenilen Hybris lehnt Mailer aber mit medizinischen Argumenten ab. Der Fünfundsiebzigjährige hält sich für jünger als Markus, Matthäus, Lukas und Johannes, die als alte Männer nur das Jesus-Geschwätz anderer alter Männer aufgezeichnet hätten. Nach sechs Ehen mit acht Kindern, einer gescheiterten Kandidatur als New Yorker Bürgermeister und dem medienwirksamen, aber unglücklichen Freikauf eines Mörders aus dem Gefängnis erhebt er als fünfter Evangelist nun den Anspruch auf ewige Jugend und literarische Unsterblichkeit.

          Zu Jesu Leben liegen nur wenige Quellen vor. Jede Biographie bleibt auf die vier kanonischen Evangelien angewiesen. Mailer macht von ihren Erzählstoffen und Logien sehr viel mehr Gebrauch, als er zugibt. Als Mailer-Jesus muß er sich von den narrativen Konstruktionen der alten Evangelisten distanzieren. So gibt er den überlieferten Stoffen einen neuen Rahmen. Auch will er einige Gestalten aus dem Umfeld Jesu, vor allem Joseph und Judas Ischarioth, anders deuten. Schließlich will Mailer eine realistischere, befreiende Anschauung Gottes vermitteln. Die Innovationskraft des Mailer-Jesus hält sich gleichwohl in überschaubaren Grenzen. Der wundertätige Heiland von einst stellt sich als ein Guru oder religiöser Popstar vor, der ein bißchen postmodernen Psychojargon draufhat und von seinen außergewöhnlichen spirituellen Kräften zu plaudern weiß.

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