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Rezension: Sachbuch : Halb Baum, halb zarte Pflanze

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Das war fällig: Es gibt wieder eine finnische Literaturgeschichte

          Zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts war im Gefängnis des finnischen Örtchens Kajaani, das im staatsoffiziellen Schwedisch "Kajaneborg" zu heißen hatte, der schwedische Gelehrte Johannes Messenius eingekerkert. Die Haft, die der vermeintliche Landesverräter verbüßen mußte, dauerte neunzehn Jahre. Zum Zeitvertreib beschloß er zu dichten, und als Thema seiner elegant gereimten lateinischen Verse wählte er ein ebenso exotisches wie naheliegendes Objekt, nämlich das Land, das er vorläufig nur durchs vergitterte Fenster sehen konnte. Geduldig schrieb er nieder, was er über Finnland und die Finnen wußte, den Einheimischen zur Erbauung und zur Stärkung ihres Patriotismus: ein selbstloser Gentleman. Unter so betrüblichen Umständen entstand eines der ersten weltlichen Bücher dessen, was noch lange nicht "finnische Literatur" heißen konnte.

          Es wird lange nichts aus ihr, auch nach Messenius nicht. Zwar schreibt hier und da jemand eine Messiade, dort findet sich ein Herrscherlob, ein Lehrgedicht von der Eitelkeit der Welt erscheint und dann und wann eine kleine Rokoko-Pirouette; viel Latein, viel Schwedisch, kaum einmal eine finnische Strophe - mit etwas, das auch nur ansatzweise einer "Nationalliteratur" ähnlich sähe, kann Finnland noch immer nicht aufwarten, als die großmächtigen Nachbarn mit den ihren schon längst Nationalbibliotheken füllen. Bis die nicht einmal achthundert Exemplare der ersten finnischen Bibel verkauft wurden, hatte fast ein Jahrhundert vergehen müssen.

          In dieser düsteren Geschichte leuchtet auf einmal, an entlegener Stelle, ein sonderbarer Name auf wie eine Sternschnuppe. Ganz nebenbei nur, in der Vorrede des Reformators Mikael Agricola zu seiner Psalmen-Übersetzung von 1551, ist die Rede von einem gewissen "Väinämöinen". Ein fremder Klang, aber finnischen Lesern scheint schon die Erwähnung zu genügen. Das Wort bleibt rätselhaft. Aber dann gerät um 1630 der vergessene Reichsteil allmählich ins Bewußtsein der Schweden, und König Gustaf Adolf II. ordnet an, Volksüberlieferungen zu sammeln, und abermals vergehen vierzig Jahre, da verfaßt der Pfarrer Cajanus aus Kainuu einen Abriß der ihm erreichbaren Mythen - und da ist wieder der sonderbare Name: "Väinämöinen". Eine mythische Gestalt verbirgt sich dahinter, ein Held abenteuerlicher Sagen, die ein ganzes Netz von Geschichten bilden, fern aller Schriftkultur und den Finnen offenkundig jahrhundertelang besser vertraut als das meiste, was der Pfarrer ihnen vorzulesen hätte.

          Das Wurzelwerk, das da zaghafte Keime durch die schwedisch-lateinische Oberfläche austreibt, ist von ungeahnter Ausdehnung und Tiefe. Als sollten sie das romantische Diktum der Brüder Grimm bestätigen, daß die schriftärmsten Kulturen die an Mythen reichsten seien, weil sie vom Gedächtnis leben, haben anonyme Erzähler eine mündliche Erzähltradition am Leben erhalten, von deren Reichtum die Stockholmer Gelehrten kaum etwas ahnen. Ihre finnischen Kollegen hingegen, die an der neugegründeten Universität in Turku eigener Wege gehen, beginnen in diesen Überlieferungen eine fremde Kultur zu entdecken: die eigene. Und damit geschieht, was im Rückblick wie ein Wunder aussieht - das Wurzelwerk schlägt allerorten aus, und was da maienhaft wächst und gedeiht, ist eine Nationalliteratur aus dem Geist der Aufklärung.

          In diesem so rasanten wie erstaunlichen Wachstum spielen nicht nur Schweden und Finnen, sondern auch deutsche Gelehrte und Dichter als Hilfsgärtner eine so wichtige Rolle, daß Deutsch fortan die verbreitetste Fremdsprache des Landes bleiben wird, bis zum Zweiten Weltkrieg. Dank Henrik Porthan und Christian Gottlob Heyne entwickelt sich ein überaus fruchtbarer Austausch zwischen den Aufklärungs-Universitäten in Turku und Göttingen; der empfindsame Frans Michael Franzén trifft sich mit Klopstock; und wenn, abermals eine Generation später, finnische Romantiker und ein deutscher Student gemeinsam "Finnische Runen" übersetzen, dann geschieht das unter lebhafter Anteilnahme Uhlands, Rückerts, Jacob Grimms.

          So ist beiderseits der Ostsee von einer "Fennomanie" schon die Rede, bevor schließlich der Nationalromantiker Elias Lönnrot - halb Antiquar wie die Grimms, halb Nachdichter wie Macpherson - aus der Fülle der mündlichen Traditionen das Riesenwerk formt, in dem die Nation sich vollends selbst zu entdecken glaubt: das "Kalevala". Hier finden sich die Geschichten Väinämöinens, zusammen mit zahllosen anderen Volkserzählungen, zu einem monumentalen Epos vereint. Ergebnis und zugleich Anfang, macht dieses Buch den finnischen Anspruch unüberhörbar, im weltliterarischen Gespräch mit eigener Stimme zu reden.

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