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Rezension: Sachbuch : Hände weg, Monsieur, die Quadriga ist mein!

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Für die Reise von Berlin nach Paris brauchte der Prediger der Berliner Hugenotten-Gemeinde, Jean Henry, im April und Mai 1814 zehn Tage, und die Fahrt mit der Postkutsche durch Länder, die eben noch Kriegsgebiet gewesen waren, war alles andere als angenehm. Doch die wirklichen Schwierigkeiten begannen erst nach der Ankunft.

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          Für die Reise von Berlin nach Paris brauchte der Prediger der Berliner Hugenotten-Gemeinde, Jean Henry, im April und Mai 1814 zehn Tage, und die Fahrt mit der Postkutsche durch Länder, die eben noch Kriegsgebiet gewesen waren, war alles andere als angenehm. Doch die wirklichen Schwierigkeiten begannen erst nach der Ankunft. Henry war nicht als Privatmann nach Paris gekommen, sondern als Kustos des königlichen Kunstkabinetts in Berlin, vor allem aber als "königlicher Kommissar für die Reklamation der Kunstobjekte". Der Gegenstände nämlich, die Vivant Denon, der Gründer des Musée Napoléon, des Louvre-Museums, nach der Niederlage Preußens in Berlin, Potsdam und andernorts sachverständig requiriert hatte.

          Einzelheiten dieser diffizilen Mission hielt Henry in seinem französisch geführten Reisetagebuch fest, das im Familienbesitz die Zeiten überdauert hat und jetzt in der Staatsbibliothek Berlin von einer französischen Germanistin entdeckt worden ist. Bénédicte Savoy hat über den Kunstraub in Deutschland unter Napoleon gearbeitet, sie war 1999 an der großen Pariser Ausstellung über Vivant Denon, "das Auge Napoleons", beteiligt. So war sie in besonderer Weise geeignet, die aufschlußreiche kleine Schrift mit Unterstützung der Berliner Schadow-Gesellschaft in einem französischen Verlag zu veröffentlichen.

          Das Grundübel der preußischen Kommission war, daß sie zwar eine amtliche, aber keineswegs eine diplomatische Stellung innehatte. So war schon der Umgang mit den Vertretern des eigenen Staates nicht einfach: mit dem Außenminister Fürst Hardenberg, dem Bevollmächtigten Wilhelm von Humboldt, vor allem mit dem Gesandten Graf von der Goltz. Hardenberg etwa "nahm uns beiseite und sprach uns leichthin von unserer Mission, wobei er uns beauftragte, sie damit zu beginnen, uns wie Jäger auf die Spur der Gegenstände zu machen, um herauszufinden, wo sie sich befinden". Die Diplomaten und Politiker hatten vor und nach Abschluß des Pariser Friedensvertrages Wichtigeres zu tun und waren wenig geneigt, die Gegenseite durch allzu nachdrückliche Forderungen nach verschwundenem Raubgut zu verstimmen.

          Die Vertreter des französischen Staates zeigten sich, nachdem sie zu Anfang mit wohlklingenden Zusagen nicht gegeizt hatten, zunehmend gleichgültig-ablehnend. Der im Gefolge der Sieger zurückgekehrte Bourbone Ludwig XVIII. erklärte nach dem Friedensschluß vor den beiden Kammern: "Die Meisterwerke der Kunst gehören uns hinfort nach einem beständigeren Recht als dem des Sieges." Der Degen Friedrichs des Großen, den Napoleon aus Potsdam mitgenommen hatte und den Ludwig gern dem preußischen König zurückgegeben hätte, war angeblich von den Offizieren der Militäranlage der Invaliden zerbrochen worden. Der Diarist vermutet, daß die Trophäe eher an sicherem Ort eingemauert sei. (Zu den Objekten, die die Familie Napoleon vor einigen Jahren dem Louvre übergab, gehörte ein Degen Friedrichs des Großen - der angeblich zerbrochene?)

          Den meisten Ärger hatte die preußische Kommission naturgemäß mit den Museumsleuten, an der Spitze Denon, denen jede List recht war. Die Übereinkunft, daß nur die in Magazinen aufbewahrten geraubten Kunstwerke zurückzugeben seien, die in Sälen ausgestellten dagegen in Frankreich bleiben durften, führte zu abenteuerlichen Winkelzügen. Tagebucheintrag vom 19. Juli: "Erfahre mit Empörung von der Dreistigkeit der Museumsverwalter, die sich jetzt anschicken, die im Depot aufbewahrten Gemälde auszustellen, und zwar zwischen seit langem gezeigten Gemälden." Gemeint war die Louvre-Ausstellung "Die primitiven Schulen Italiens und Deutschlands" im Sommer 1814. Notfalls wurden Kunstwerke im vorletzten Augenblick in Schlösser der Krone wie Compiègne oder Fontainebleau verbracht, womit der Forderung nach Öffentlichkeit Genüge getan schien. Die Münzen und Medaillen des königlichen Münzkabinetts, die er selbst katalogisiert hatte, spürte Henry in den Büros der Museumsverwaltung auf - ausgestellt oder verheimlicht?

          Es spricht für den guten Mut des geplagten Mannes, daß er nach stundenlangem Antichambrieren und Verhandeln noch Lust hat zu Spaziergängen durch Paris und zu Ausflügen in die Umgebung, zu Déjeuners und Diners im Kreis einheimischer Bekannter: "Wie ein delikates kleines Gericht, kaum gekostet, rasch durch ein anderes abgelöst wird, so vertreibt in der Konversation ein Thema das andere, ehe man es noch recht erörtert hat." Kaum ein Abend, den er nicht im Theater verbringt, zusammen mit seiner Ehefrau Suzette, einer Tochter des Zeichners Chodowiecki und selbst Malerin (sie kopiert im Louvre fleißig Raffaels in Italien requirierte "Schöne Bäckerin"). Der Hugenotten-Nachkomme sucht auch Kontakt zu den französischen Amtsbrüdern, macht sich Gedanken über die Zukunft der Reformierten Kirche im Frankreich der Restauration und hält Predigten im "Tempel" in der Nähe des Louvre.

          Bei der Rückführung des Geraubten waren der Kommission Teilerfolge vergönnt, das Bronzemodell für das Reiterdenkmal des Großen Kurfürsten von Schlüter ist einer der wichtigeren. Im Oktober 1814 kehrte Henry ohne Illusionen nach Berlin zurück. Der Aufforderung, nach Napoleons zweiter Vertreibung 1815 die Rückführungsmission fortzusetzen, ist Jean Henry nicht nachgekommen. Aber er gibt aus frischer Erfahrung den Rat, nicht wiederum die Rückführung der Beutekunst auf diplomatischem Wege zu verschlampen, sondern "manu militari" zu betreiben. Wellington und Blücher, die Sieger von Waterloo, haben diesen Rat aus eigenem Antrieb befolgt. Henrys Nachfolger im Jahr 1815, dem preußischen Staatsrat Ribbentrop, war in einer veränderten politischen Lage mehr Erfolg beschieden.

          THANKMAR VON MÜNCHHAUSEN

          Jean Henry: "Journal d'un voyage à Paris en 1814". Edition présentée, annotée et établié par Bénédicte Savoy avec la collaboration de Nicolas Labasque. Editions Gallimard, Paris 2001. 156 S., br., 15,90 Euro.

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