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Rezension: Sachbuch : Hämmern der aufgerührten Seele

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Was man nicht malen kann: Eine Biographie zu Edvard Munch

          4 Min.

          Edvard Munch, der norwegische Maler und Radierer, hat in gewisser Hinsicht immer noch hierzulande seine zweite Heimat. Regelmäßig informieren große und kleine Ausstellungen mit begleitenden Katalogen über die eigenwillige - und riesige - Produktion dieses einst so verfemten Künstlers. An seine Ausstellungsskandale sowohl in Kristiania (heute Oslo) als auch in Berlin um die Jahrhundertwende braucht man kaum noch zu erinnern. Den einst als "Schmierereien" oder "Brutalität des Gemalten" ausgeschimpften, heute weltberühmten und unzählige Male reproduzierten Bildern wie "Das kranke Mädchen", "Vampyr", "Der Kuß" oder "Schrei" spricht keiner mehr die Bedeutung als geniale Revolte auf der damaligen Kunstszene ab. Ein Schlagwort, das Munch über seine Kunstauffassung verbreitete, "ich male nicht, was ich sehe, sondern was ich sah", wurde zur Parole der Symbolisten und Expressionisten in ganz Europa. Nunmehr hat man in jeder deutschen Buchhandlung ein reichliches Angebot an Bildbänden über den Künstler. Gibt es überhaupt ein Bedürfnis nach mehr Munch-Literatur?

          In einer gut gestalteten, mit sechzehn Farbreproduktionen versehenen Ausgabe des Insel Verlags liegt nun eine "Romanbiographie" Ketil Bjrnstads vor. Der mit dem Literaturbetrieb vertraute Landsmann des Künstlers ging wohl nicht zu Unrecht davon aus, daß vorhandene Kenntnisse Neugierde auf weiteres Wissen wecken. Übung im Metier hat der Komponist und Autor bereits, auch in Deutschland erschien von seiner Hand ein Buch (über Edvard Grieg: "Ballade in g-Moll", 1988). Auf jeden Fall bietet Munchs Lebenslauf einem phantasievollen Erzähler viel Spielraum außerhalb der sachlich gezogenen Grenzen der Ausstellungskataloge. Bei der Übermittlung Munchscher Privatangelegenheiten gilt exemplarisch, was der im bürgerlichen Leben fest verankerte Max Liebermann selbstironisch in seinem eigenen Fall als Defizit erachtete. Nach ihm sei es nämlich leichter, "über einen zu schreiben, der alle paar Jahre mit einer anderen durchgeht oder jeden Abend in der Gosse liegt oder sonst sich genialisch gebärdet". Das tat Munch - und mehr dazu.

          Bjrnstad erzählt gern und mit Sinn für das Erzählenswerte. Das Bohème-Leben in Kristiania und Berlin, die Reisen nach Paris, unzählige Saufgelage und Schlägereien sowie bekannte und neuentdeckte Freundinnen und Modelle passieren Revue. Die Sehnsucht nach Liebe, die ständigen Krankheiten und die lange ausbleibende Anerkennung durch das Publikum formen den elegischen Hintergrund dieser Künstlerlegende, vor dem sich die vielen dramatischen Höhepunkte reihenweise konturieren: etwa die Selbstverstümmelung des Künstlers, als er sich 1902 in die linke Hand schoß, und die akute Nervenkrise, die 1908 die Einlieferung in eine Kopenhagener Klinik zur Folge hatte. Aber die Biographie von Edvard Munch, der unbeirrbar seinen Weg ging und sich weigerte, sich der zeitgemäßen Freilichtmalerei hinzugeben, fordert von seinem Erzähler, daß er sich bemüht, auch Gemütszustände und Inspirationsgeheimnisse zu erläutern. Dieser psychographischen Spurensuche weicht Bjrnstad nicht aus. Wir dürfen als Zeugen beim inneren Kampf des Künstlers dabeisein, etwa bei der Entstehung des Bildes "Das kranke Mädchen", das die Jahre zuvor gestorbene Schwester als Motiv vergegenwärtigt: "Munch malt den Tod seiner Schwester. Er malt das rote Haar, den zitternden Mund, die zerbrechlichen Hände. Unzählige Versuche. Es ist kurz vor dem Augenblick des Todes. Die müde Bewegung ist es, die er hervorheben möchte. Die Bewegung, die nicht da ist und trotzdem das Bild ausmacht. Alles das, was man nicht malen kann." Bjrnstad versteht es, sich als Erzähler sich mit seinem "Helden" zu identifizieren.

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