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Rezension: Sachbuch : Habt keine Heidenangst

  • Aktualisiert am

Hannes Steins biblische Demokratie / Von Jan Assmann

          5 Min.

          Am Anfang war nicht das Wort. Und am Anfang schuf Gott auch nicht Himmel und Erde. Am Anfang war vielmehr das Heidentum. Die Welt war erfüllt vom Gebrüll der Menschenopfer und vom Peitschenknallen der Sklaventreiber. "Heidenangst" lähmte die Herzen, und Finsternis bedeckte die Erde. Gott kam spät, gegen Ende der frühen Bronzezeit. Was er schuf, war das Licht: das Licht der Vernunft und des Rechts, und er setzte eine Grenze zwischen dem Licht und der Finsternis. Diese Grenze ist bis heute heiß umkämpft, denn die Welt hat das Licht nicht angenommen.

          Hannes Stein ist ein Partisan in diesem Kampf. Sein Buch ist eine Streitschrift, angeschrieben gegen das Heidentum von heute, die New-Age-Bewegung, die Neo-Gnosis, den Pantheismus, den Pazifismus, den Tierschutz, den Vegetarianismus, den Synkretismus, Hinduismus, Buddhismus, Islam, Atheismus - all das sind ihm nur Masken des einen, unauslöschlichen Antisemitismus, der mit dem Licht des Rechts und der Vernunft in die Welt kam. "Als Gott den Juden die Zehn Gebote gab, kam der Haß in die Welt", sagt der Talmud, und Stein gibt ihm recht. Das Gesetz erzeugt Schuld, sagt Paulus, und Stein unterschreibt auch diesen Satz. Schuld und Gewissen sind eine jüdische Erfindung.

          Der Monotheismus erweist sich als der Apfel vom Baum der Erkenntnis. Mit ihm kommt das Wissen von gut und böse in die menschliche Seele, und damit die Individualität. Individuum, schreibt Stein, ist nur, wer schuldig werden kann. Der Heide ist an den Stammesverband gefesselt. Der Jude weiß: "Ich bin schuldig, also bin ich." Dieses Wissen hat die Welt nicht ertragen. Auch Hitler sagte: "Das Gewissen ist eine jüdische Erfindung" und fuhr fort: "Es ist, wie die Beschneidung, eine Verstümmelung des Menschen." Der Haß, in der Bronzezeit gesät, entlud sich im Inferno von Auschwitz und ist noch immer virulent. In dieser Situation gibt es keine Neutralität. Hannes Stein predigt die monotheistische Verschärfung. Die von Gott um das Licht gezogene Grenze gilt es mit allen Kräften zu verteidigen. Für pazifistische Toleranz und interkulturelle Hermeneutik ist da kein Raum.

          Zorn macht hellsichtig, hellsichtig für den politischen Kern des biblischen Monotheismus. Was Michael Walzer für das Buch Exodus und Jacob Taubes für den Römerbrief leisteten, das unternimmt Stein für die gesamte Bibel (durchaus inklusive des Neuen Testaments, das Christentum wird bewußt eingeschlossen): Er will den politisch-revolutionären Zündstoff ihrer polemischen Semantik freisetzen. Die Bibel, so seine These, ist ein Text der radikalen Aufklärung und der politischen Revolte, der Gotteslästerung (will sagen: Götzenlästerung) und der Demokratie. Demokratie heißt für ihn: Alle Macht geht vom Gesetz aus, und nicht von Menschen. Athen, das bedeutet für Stein "Abstimmungsrituale der oberen Zehntausend", aber nicht Demokratie.

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