https://www.faz.net/-gqz-6pyhd

Rezension: Sachbuch : Habe ich überhaupt je richtig gedacht?

  • Aktualisiert am

Wahrscheinlich haben wir falsch gelebt. Daß sich im Leser ein solch normativer Befund festsetzen kann, ist bei diesem Buch eine große Überraschung, man könnte auch sagen: ein Kunststück für sich. Denn mit John Dewey (1859 bis 1952) tritt uns ein Klassiker des philosophischen Pragmatismus entgegen, dem Zeitgenossen ...

          Wahrscheinlich haben wir falsch gelebt. Daß sich im Leser ein solch normativer Befund festsetzen kann, ist bei diesem Buch eine große Überraschung, man könnte auch sagen: ein Kunststück für sich. Denn mit John Dewey (1859 bis 1952) tritt uns ein Klassiker des philosophischen Pragmatismus entgegen, dem Zeitgenossen gerade nicht Moralismus, sondern das "Fehlen jeglichen normativen Fundaments" vorhielten. Charles Sanders Peirce schrieb ihm im Jahre 1905: "Sie schlagen vor, die normative Wissenschaft, deren meiner Meinung nach unser Jahrhundert am dringendsten bedarf, durch eine Naturgeschichte des Denkens oder der Erfahrung zu ersetzen"; die Folge davon müsse sein, "daß die Regeln des Schlußfolgerns nachlässig gehandhabt werden; und in der Tat finde ich, daß Sie und Ihre Studenten völlig dem verfallen sind, was mir als Ausschweifung lockeren Denkens erscheint. Chicago hat nicht den Ruf, eine moralische Stadt zu sein." Seinen Vorwurf faßt Peirce so zusammen, daß Dewey "überhaupt nicht sieht, daß es etwas gibt, das völlig falsch ist".

          Aber dieser ausschweifende Chicago-Denker vermag den Leser dann doch ordentlich bloßzustellen, ihm tüchtige Zweifel einzujagen, ob das, was er bisher gedacht hat, nicht samt und sonders auf Sand gebaut war. Mit seinem Hauptwerk "Logik. Die Theorie der Forschung", das 1938 herauskam und nun als deutsche Erstausgabe erscheint, legte der damals knapp achtzigjährige Dewey tatsächlich eine Art Naturgeschichte des Denkens vor. Wie ein Biologe beugt er sich über die Pflänzchen der Gedanken, beschreibt ihre Lebens- und Organformen in der natürlichen Umgebung der Alltagspraxis, in der man mit der Realität "zurechtkommen" und "fertig werden" muß. Man lasse sich durch den Titel "Theorie der Forschung" nicht täuschen. Nur im letzen Abschnitt des Buches geht es wirklich um Wissenschaftsfragen, etwa in der Passage über den mathematischen Diskurs oder in jener über die Sozialforschung. Auch der Blick auf die zeitgenössischen logischen Diskussionen, also auf die Techniken der Logik im engeren Sinne der philosophischen Disziplin, ist eher randständig.

          Nein, im Zentrum des Buches steht etwas anderes als die teilweise natürlich längst überholten Kommentare zur Fachwissenschaft: Dewey hat seine Theorie der Forschung im wesentlichen als eine Theorie des Denkens angelegt, als Kriteriologie für die allmähliche Verwandlung einer unbestimmten Situation in eine geklärte. Wie schon in der zehn Jahre zuvor erschienenen "Suche nach Gewißheit" wendet er sich gegen das empiristische "Zuschauermodell der Erkenntnis", wonach elementare Empfindungen eine sichere Erfahrungsbasis bieten. Erkenntnistheorie ist für den naturalisierten Hegelianer Dewey ein Prozeßbegriff, der die logische Verknüpfung nicht als momentanes querschnitthaftes Ereignis, sondern als ein Vergangenheit und Zukunft umspannendes Kontinuum abbildet. Die Klärung einer Situation ist nur unter dem Postulat möglich, daß das untersuchte Substrat das eines zeitlichen Verlaufs sequentieller Ereignisse ist. Was erkenntnistheoretisch eindeutig erscheint, wird moralphilosophisch zum Problem: Wo setzt man die Schnitte an, die eine Handlung als Handlung begrenzen und so erst zurechenbar machen?

          Dewey, den Richard Rorty neben Wittgenstein und Heidegger als "einen der drei bedeutendsten Philosophen unseres Jahrhunderts" herausstellte, weiß sein theoretisches Thema mit angenehm abgründiger Anschaulichkeit lesbar zu machen. Habe ich überhaupt je richtig gedacht, fragt sich der Leser im Blick auf das feingliedrige Regelwerk der logischen Formen. War da nicht vielmehr ein Hüpfen von Intuition zu Intuition in all diesen gedankenlosen Tagen? Ein seliges Vertrauen ins unmittelbare Wissen, ein Leben aus perspektivischen Täuschungen?

          Schritt für Schritt und mit einem für heutige Ohren gewiß erstaunlichen Wissenschaftsvertrauen werden die Problemzonen des richtigen Denkens entfaltet, das freilich nie etwas anderes ist als experimentelles Tasten unter ausdrücklichem Abzug "dessen, was man Intuition nennt". Wie kommen Schlußfolgerungen und Urteile zustande, wie hat man sich das Verhältnis von gesundem Menschenverstand und wissenschaftlicher Forschung vorzustellen, wie stellt man ein Problem so, daß nicht durch einen fixen begrifflichen Rahmen genau die Aspekte, die für die Lösung entscheidend sind, deren Signifikanz fürs Ganze, übersehen werden? Die Art, wie das Problem begriffen wird, entscheidet darüber, welche Vorschläge aufgenommen und welche fallengelassen werden; welche Daten ausgewählt oder verworfen werden; sie ist das Kriterium für die Relevanz von Hypothesen und begrifflichen Strukturen. Deweys Bitte an seine Zeit: man interpretiere ernsthafte soziale Probleme nicht in moralischen Ausdrücken!

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Viel Lärm um Nichts: Theresa May steht nach ihren erfolglosen Verhandlungen auf dem EU-Gipfel in der Heimat mal wieder unter Druck.

          Brexit-Kommentar : Auf Mays nächsten Zug kommt es an

          Auf den Tisch hauen, wie es einst Maggie Thatcher tat, kann die heutige Premierministerin in der EU nicht mehr. Doch ein zweites Referendum könnte ihr helfen.
          Münchens Robert Lewandowski (Mitte) bejubelt seinen Treffer zum 4:0.

          4:0 in Hannover : Gnadenlose Bayern setzen Aufholjagd fort

          Der deutsche Fußball-Rekordmeister kommt in Hannover zu einem ungefährdeten Erfolg. Zwei Rückkehrer stehen bei den Münchenern dabei in der Startaufstellung. Und der Sieg hätte noch deutlicher ausfallen können.
          Moses Pelham über Frankfurt: „Ich weiß nicht, ob meine Geschichte in einer anderen Stadt möglich gewesen wäre.“

          FAZ Plus Artikel: Moses Pelham : Rap und Rechtsgeschichte

          Der Musiker Moses Pelham hat Rap mit deutschen Texten dem Massenpublikum schmackhaft gemacht. Als Produzent verhalf er Sabrina Setlur und Xavier Naidoo zum Durchbruch – und schrieb Rechtsgeschichte.
          Das Cover von „GG – Das Grundgesetz als Magazin“

          Das Grundgesetz als Magazin : Verfassung auf Hochglanz gebracht

          Damit einzelne Artikel nicht in einer grauen Paragraphenmasse untergehen, publiziert der Journalist Oliver Wurm das Grundgesetz als Magazin. Damit erzielt er einen bemerkenswerten Effekt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.