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Rezension: Sachbuch : Habe ich nicht auch so eine kuriose Kalesche besessen?

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Der wichtigste Satz dieses Buches steht am Ende: Alle Überlegungen, "wie sich das Auto vernunftorientiert wieder zum Transportmittel machen lassen könnte, sind verfehlt, illusionär und naiv". Denn es geht, wie die "Geschichte des Autos" zeigt, nicht um Fortbewegung, sondern um Träume und Traumata, ...

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          Der wichtigste Satz dieses Buches steht am Ende: Alle Überlegungen, "wie sich das Auto vernunftorientiert wieder zum Transportmittel machen lassen könnte, sind verfehlt, illusionär und naiv". Denn es geht, wie die "Geschichte des Autos" zeigt, nicht um Fortbewegung, sondern um Träume und Traumata, um Fluchtgedanken und Behausungswünsche: Im Stand ist der chromglänzende, hochmotorisierte Wagen das Versprechen des Aufbruchs in eine bessere, abenteuerliche Welt, in der es nur Fahrtwind im Haar, Küstenstraßen und einsame Wiesen gibt; in der Ferne ist das Auto ein tröstliches Stück Heimat, mit Ledersessel und Walnußholztäfelung - weswegen es nicht verwundert, daß Besitzer eines normalen Mittelklasseautos mehr Geld für die Lederausstattung ihres Wagens als für ihr Sofa daheim ausgeben und sogar das Handschuhfach noch für einen deftigen Aufpreis eine Zierkante aus Walnußholzsurrogat bekommt, als sei es das Nachtschränkchen neben dem Bett.

          Autos sind das erfolgreichste und unvernünftigste Kulturprodukt der Moderne, und noch nie ging es bei ihnen um Fortbewegung allein. Es ging um Raserei, um das Gefühl individueller Freiheit und grenzenloser Verfügungsgewalt. Autofahrer der ersten Stunde empfanden beim Fahren ein asoziales Hochgefühl, das 1909 in der zufriedenen Bemerkung des Futuristen Marinetti gipfelt, die überfahrenen Hunde bögen sich "unter den heißgelaufenen Reifen wie Hemdkragen unter einem Bügeleisen".

          Die meist weiblichen, halbnackten Kühlerfiguren auf der Haube stellten eine suggestive Verbindung zwischen Erotik und automobiler Enthemmung her, ein Glücksversprechen, das noch heute den Erfolg des Autos als Traummaschine garantiert: In Deutschland wird inzwischen pro Haushalt mehr Geld für Anschaffung und Unterhalt eines Autos als für Essen ausgegeben - das war noch in den sechziger Jahren anders. Mittlerweile arbeiten ganze Bataillone an Psychologen für die großen Autohersteller; allein Renault beschäftigt eine ganze Duft-Abteilung, in der die Wirkung von Lederduft und Plastikgeruch - jugendlich, edel, sportlich - optimiert wird. Das Autodesign ist längst jenseits aller rationalen Überlegungen mit Retro-Chic, Muscle-Cars und Blechbrüsten zur Hochburg symbolischer Formen geworden. Schon deswegen ist eine "Geschichte des Autos" nicht so langweilig, wie es der Titel und das räderlose Auto auf dem Buchcover suggerieren; sie zeigt die hemmungslose, unerklärliche Liebe und Mechanismen der Verführung zu einem Objekt, das letztlich überflüssig, umweltschädlich und asozial ist.

          Kurt Möser, Konservator am Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim, hat eine enzyklopädische Fleißarbeit vollbracht. In diesem Buch findet man von "Adorno" bis "Zweischachtelauto" fast alles im Register, was grob mit der Automobilgeschichte zusammengebracht werden kann. Zwar werden Liebhaber schneller Wagen und kulturgeschichtlich interessierte Leser einwenden, daß ein Autobuch mit mehr als 350 engbedruckten Seiten, in dessen Register "Alfa Romeo" und "Lamborghini" nicht zu finden sind, nicht ernsthaft gut sein könne - aber für diese Leser gibt es Ulf Poscharts sehr lesenswerte Kulturgeschichte des Sportwagens, erschienen unter dem Titel "Sportwagen" im Merve Verlag.

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