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Rezension: Sachbuch : Habe ich auch nur eine einzige Runzel im Gesicht?

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Das Antlitz Breslaus ist von der Geschichte gezeichnet: Eine Enzyklopädie zählt die Vertiefungen

          Seit der Entdeckung Polens durch den Massentourismus wissen es auch die meisten Deutschen: Das östliche Nachbarland ist kein Ausläufer der Taiga, sondern ein Kerngebiet Mitteleuropas, das nicht nur mit liebreizenden Landschaften, sondern auch mit bedeutenden geschichtsträchtigen Städten reich gesegnet ist. Doch an keinem Ort zwischen Oder und Bug - nicht in Krakau, nicht in Warschau und nicht in Danzig - kreuzen sich so viele verschlungene Wege mitteleuropäischer Geschichte wie in Breslau, der über tausend Jahre alten Metropole Schlesiens.

          Auf die frühmittelalterliche Herrschaft der böhmischen Premysliden folgten dreieinhalb Jahrhunderte unter den polnischen Piasten. Von 1335 an gehörte Breslau wieder zur böhmischen Krone, unter der es zu einem blühenden Handelsort des Spätmittelalters aufstieg. 1525 geriet die Stadt unter die Herrschaft der Habsburger, 1741 wurde sie preußisch, 1871 bis 1918 war sie das wichtigste kulturelle und wirtschaftliche Zentrum im Osten des Deutschen Kaiserreichs. Die Weimarer Republik bescherte Breslau einen ökonomischen Niedergang, die Nazi-Zeit endete mit der weitgehenden Zerstörung der Innenstadt und der Vertreibung der deutschen Bevölkerung: Das deutsche Breslau wurde wieder zum polnischen Wroclaw.

          Der Wiederaufbau verlief schleppend; in den frühen fünfziger Jahren dienten die zerstörten, aber auch die unzerstörten Bauten der Stadt als Steinbruch für den zentralistisch dekretierten Wiederaufbau Warschaus. Doch ungeachtet der realsozialistischen Misere entwickelte sich Breslau wieder zum bedeutenden Zentrum von Wissenschaft und Kultur, woran vor allem die vertriebene polnische Bevölkerung aus dem ukrainischen Lemberg maßgeblichen Anteil hatte.

          Zehn Jahre nach dem Sturz der kommunistischen Herrschaft erwacht die frühere Hochburg der Solidarnosc-Bewegung zu neuem Leben und entfaltet urbane Qualitäten, von denen etwa das von Touristen belagerte Danzig oder gar das provinziell-verschlafene Posen weit entfernt sind. In den Geschäften und Kneipen rund um den Großen Markt und den Salzmarkt herrscht buntes Treiben, überall wird gebaut, restauriert und rekonstruiert, das Millennium des Breslauer Bistums wurde auch zum Anlaß für vielfältige kulturelle Aktivitäten von Weltrang.

          Zu den besonders getriebenen Breslauern gehörte in der letzten Zeit der Kunsthistoriker Jan Harasimowicz. Denn er hatte sich der Aufgabe unterzogen, als Herausgeber die Publikation eines tausend Seiten starken, wahrhaft universalistischen Kompendiums zur Geschichte und Gegenwart der Stadt Breslau zu koordinieren. Die "Encyklopedia Wroclawia" entstand in nur zwei Jahren als Gemeinschaftswerk von nicht weniger als sechshundert Fachleuten, darunter auch zahlreichen Forschern aus Deutschland. In siebentausend alphabetisch geordneten Artikeln und dreitausend Illustrationen werden alle Aspekte der Topographie, Geschichte, Kultur, Wirtschaft und Politik der Stadt beleuchtet. Eingedenk des enzyklopädischen Anspruchs des Vorhabens wurden die Bearbeiter auf das Gebot absoluter Unparteilichkeit eingeschworen. Ob Deutsche, Tschechen oder Juden, Katholiken oder Protestanten, Liberale, Sozialdemokraten oder Nationalsozialisten, Kommunisten oder Antikommunisten, Lokalpatrioten oder Weltbürger - alle, die sich in die Geschichte der Stadt eingeschrieben haben, fanden gleichermaßen Eingang in die Texte.

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