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Rezension: Sachbuch : Gutes darf nicht zerfahren sein

  • Aktualisiert am

Doch Platons "Politeia" verlangt den Interpreten Toleranz ab

          3 Min.

          Daß auf Erden kein perfekter Staat zu machen ist, wußte Platon genau. Doch "am Himmel", läßt er Sokrates am Ende des Neunten Buchs der "Politeia" sagen, "ist vielleicht ein Vorbild aufgestellt . . ., um nach ihm sein Leben einzurichten" - am Himmel, diesem "sichtbaren Gott" (Tim. 92c), der das vollendete Gute repräsentiert: harmonische Ordnung, Balance, Gleichgewicht. Der Kosmos ist die perfekte Einheit der Vielheit - und eben deshalb das Paradigma einer guten Politik ebenso wie eines jeden guten Lebens. Das Gute als geordnete Komplexität - das ist ein Kerngedanke Platons.

          Der in der Reihe "Klassiker auslegen" erschienene Sammelband zur "Politeia" ist in diesem platonischen Sinne kein gutes Buch. Gewiß, auch das perfekte Buch wird auf Erden nicht zu haben sein; und doch ist bedauerlich, daß es dem Herausgeber nicht gelungen ist, von seinen hochkarätigen Autoren und Autorinnen Beiträge zu versammeln, deren Konstellation das hielte, was Klappentext und Vorwort versprechen: einen "kooperativen Kommentar" zu Platons Hauptwerk.

          Natürlich kann man nicht erwarten, daß vierzehn Autoren unterschiedlicher Herkunft ein homogenes Bild der "Politeia" zeichnen. Erwarten kann man allenfalls, daß die Beiträge, wie Otfried Höffe im Vorwort schreibt, "ein möglichst umfassendes Verständnis" befördern. Doch gerade dies will sich nicht einstellen. So respektabel die meisten Aufsätze auch sind, sie lassen den Leser - vor allem den Nichtexperten, für den das Buch konzipiert zu sein vorgibt - schließlich ziemlich ratlos.

          Denn trotz Einleitung und brillanten Einzelinterpretationen wird so gut wie nirgends erkennbar, was das durchgängige Organisationsprinzip von Platons Hauptwerk ist. Man findet Lesenswertes über das Verhältnis von Ethik und Politik (Annas), das Verhältnis zwischen frühen und mittleren Dialogen (Irwin), über die Genealogie politischer Systeme (Frede), über Dichterkritik (Halliwell) und Auseinandersetzung mit der Sophistik (Williams). Was dies aber zu einem organischen Ganzen fügt, blitzt nur in wenigen Texten auf.

          Es ist sicher kein Zufall, daß das etwa dort geschieht, wo es um das erklärte Hauptthema der "Politeia" geht: die Gerechtigkeit. So legt Richard Kraut überzeugend dar, daß Platon Gerechtigkeit als strukturelle Ordnung lebendiger "Systeme" versteht, die auf das Leben individueller Menschen ebensogut wie auf das politischer Gemeinwesen anwendbar ist. Hier wird erkennbar, daß die politische Theorie Platons letzthin in seiner Theorie der Lebendigkeit (Psyche) verankert ist, wie er sie in der "Politeia" im vierten Buch entwickelt. Leider bleibt das gerade in dem diesem Textstück gewidmeten Beitrag unterbelichtet.

          Entsprechend spärlich sind die wenigen Hinweise auf die praktische Dimension, die Platon seinem Werk eingeschrieben hat. Ein deutliches Bewußtsein davon findet man allenfalls in den Beiträgen von Jürgen Mittelstraß und Robert Spaemann. Letzterer bringt den für das Verständnis der "Politeia" entscheidenden Sachverhalt auf den Punkt: "Philosophie ist nicht nur eine bestimmte Beschäftigung, sondern ein bios, eine Lebensweise." Und Mittelstraß betont zu Recht, daß die Idee des Guten auch für ein "Können" steht, "das nicht das ,theoretische' Wissen direkt, sondern den Umgang mit diesem Wissen betrifft."

          Daß dies nur eine mögliche Deutung des megiston mathema (des wichtigsten Lehrinhalts) der "Politeia" ist, wird aus den explizit den Gleichnispassagen über die Idee des Guten gewidmeten Texten von Hans Krämer und Thomas A. Szlezák ersichtlich. Beide präsentieren auf bewährt solide Art das Interpretationsparadigma der Tübinger Schule, dem zufolge die Idee des Guten wesentlich axiologisches, ontologisches und epistemologisches Prinzip einer wissenschaftlich erschließbaren Seinsordnung ist. Daß das Gute bei Platon nicht nur gewußt, sondern auch gekonnt sein will, bleibt in dieser Deutungslinie jedoch unterbelichtet.

          So wenig die Tübinger Schule in einem Sammelband zur "Politeia" fehlen darf, so merkwürdig ist es, daß ihre Repräsentanten mit beiden der Idee des Guten gewidmeten Texte beauftragt wurden. Hier fragt sich, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, auch einen Vertreter der ebenso fruchtbaren und nicht weniger einflußreichen hermeneutischen Deutungstradition zu Wort kommen zu lassen. Da deren Begründer Hans-Georg Gadamer nicht einmal im Literaturverzeichnis Erwähnung findet, drängt sich der Verdacht auf, hier könnten außerwissenschaftliche Motive im Spiel sein.

          Aus einem antihermeneutischen Affekt ließe sich auch die eingangs bemerkte konzeptionelle Schwäche des Bandes erklären: sein Mangel, die Grundintuitionen des platonischen Denkens durchgängig zur Geltung zu bringen. Das Buch im ganzen atmet keinen platonischen Geist. CHRISTOPH QUARCH

          "Platon: Politeia". Hrsg. von Otfried Höffe. Klassiker auslegen, Band 7. Akademie Verlag, Berlin 1997. 386 S., br., 29,80 DM.

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