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Rezension: Sachbuch : Gruppenbild mit Wachsfiguren

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Wolfram Runkel erweist sich als mäßiger Stilist, aber guter Conférencier am Schachbrett

          2 Min.

          Schon wieder ein Buch über Schach. Schon wieder der Versuch, vor Laien und Liebhabern auszubreiten, was am Schach und an seiner Geschichte aufregend, kurios, amüsant, beherzigenswert und vor allem allgemeinverständlich ist. In ein paar Jahren wird der nächste Autor kommen, der Forschungsergebnisse, Anekdoten, eigene Beobachtungen und möglichst wenig Hinweise auf Strategie und Taktik zu einem Stück Unterhaltungsliteratur verarbeitet. Jetzt aber hat Wolfram Runkel das einschlägige Nichtfachbuch geschrieben und sich als guter Schachconférencier erwiesen.

          Über Tatsachen redet er, als seien es gelungene Scherze, über Gedankenspiele, als seien das die wichtigsten Tatsachen. Runkel schildert Laufbahnen und Karriereknicke, skizziert das Gehabe und die Schrullen der Profis, sieht branchenüblich in jeder zweiten Weltmeisterschaft eine Zeitenwende, kümmert sich um das Ambiente, den heutigen Turniersaal, das einstige Schachcafé oder die mittelalterliche Kemenate, und vergißt nicht zu erwähnen, was Heerführer, Prälaten, Politiker und Schriftsteller von dem in der Regel ungewöhnlichen Denksport hielten.

          Als Stilist ist Runkel ein angepaßter Zeitgenosse. "Schläft er, um Gottes willen? Keine Angst. Er analysiert die Stellung in seinem Ruheraum auf einem Bildschirm", heißt es einmal über Kortschnoj. Im nächsten Satz taucht "das Wachsfigurenkabinett der Schiedsrichter" auf. Nicht schlecht für jemanden, der sich gehörig anstrengt, immer locker und bis an die Grenzen der Seriosität salopp zu sein. Während jedoch andere Autoren sich über den Nebel der Vorschachgeschichte im gleichen Tonfall äußern wie über ihre persönlichen Eindrücke von zeitgenössischen Koryphäen, macht Runkel einen Unterschied zwischen dem, was er aus eigener Anschauung, und dem, was er aus Büchern kennt. Mal Reportage, mal Bericht, beides optisch verschieden dargeboten. Die Erlebnisse füllen eine Buchseite zweispaltig, die Lesefrüchte hingegen in gewöhnlicher Breite.

          Das hat den Vorteil, daß kein Durcheinander entsteht, wenn die verschiedenen Zeiten in Thornton-Wilder-Manier gemischt werden, wie denn die Plauderei über Kasparows Herausforderer, den Tamilen Viswanathan Anand, eine überzeugende Fortsetzung des Kapitels über Legenden aus dem alten Indien ist. Auch bedarf es nur eines kurzen Gedankensprungs, um vom ersten, Geschichte gewordenen europäischen Schachautomaten zu den Computern zu kommen, die in unseren Tagen Weltmeisterstärke erlangt haben. "Geschichte und Geschichten" lautet der Untertitel. Dabei stellt sich allerdings heraus, daß die Geschichte manchmal kurzweiliger ist als die eigenen Erlebnisse. Nicht jedes Vorkommnis gedeiht, bloß weil der Verfasser anwesend war, zur Sensation.

          Da Runkel die großen Spieler in Ehren hält, beschäftigt er sich auch mit ihrem Scharfsinn und nicht nur mit ihren Marotten. Kasparow hat die manches Lob ergänzende Schmähung "Weltmeister im Wichtigtun" offenbar verschmerzt und ein Vorwort beigesteuert, ein Preislied auf die von ihm gegründete Assoziation der Schachprofis. Vor allem aber hält Runkel das Spiel in Ehren, dessen derzeit unangefochtene Regeln bedächtig zu entwickeln die Europäer Jahrhunderte gebraucht haben. Das wird liebevoll referiert, weil da selbst der Laie und der Patzer geistig folgen können, worauf nicht Verlaß wäre, enthüllte der Verfasser die tiefsten Geheimnisse des Mittelspiels und Endspiels. Andere Schachgeschichtenerzähler haben derlei Schwierigkeiten gleichfalls auf sich beruhen lassen. Originell indes ist die Beschäftigung mit einer Schattenseite der anspruchsvollen Grübelei. Das bezieht sich nicht auf die Überlieferung von Bosheiten, etwa der Aufforderung: "Setze dich so, daß die Sonne deinen Gegner blendet." Gemeint sind vielmehr die "Opfer der Schachgöttin", jene ebenso ehrgeizigen wie haltlosen Menschen, die dem Schach verfallen, ohne mit ihm etwas, geschweige denn viel verdienen zu können. Runkel informiert über dieses und jenes Beispiel eines verpfuschten Lebens. ROSWIN FINKENZELLER

          Wolfram Runkel: "Schach". Geschichte und Geschichten. Vorwort von Garry Kasparow. Wunderlich Verlag, Hamburg 1995. 284 S., geb., 39,80 DM.

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