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Rezension: Sachbuch : Graphische Feinmechanik

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Kurt Löb schreibt die Biographie zweier deutscher Buchgestalter in der niederländischen Emigration

          3 Min.

          Die beiden großen Exilverlage in den Niederlanden, Querido und Allert de Lange, boten ab 1933 nicht nur deutschen Schriftstellern, die vor den Nazis ins Ausland geflohen waren, neue Publikationsmöglichkeiten, sie beschäftigten auch exilierte deutsche Buchgestalter und erleichterten diesen damit das Überleben. Bislang allerdings beschränkte sich die Rezeption der Exilliteratur weitgehend auf die Autoren, obwohl die Machtübernahme Hitlers auch für das Verlagsgewerbe einen gravierenden Einschnitt darstellte: Die Feindschaft der Nazis gegenüber modernem Design zwang einen Großteil der buchkünstlerischen Elite außer Landes. Deutschland verlor dadurch für Jahrzehnte den Anschluß an die moderne Typographie- und Buchgestaltungsentwicklung, in der es zuvor führend gewesen war.

          Am Beispiel zweier Exponenten, Henri Friedlaender und Paul Urban, bemüht sich jetzt Kurt Löb, einen ersten umfassenden Beitrag zu dieser Facette der Exilgeschichte zu leisten. Löb ist selbst ein mehrfach prämierter Buchgestalter, der mit seinen Eltern 1939 in die Niederlande emigrierte. Sein Buch "Exil-Gestalten", natürlich nach eigenen Vorgaben gesetzt und somit auch gestalterisch eine Hommage an sein Thema, entstand als Dissertation an der Universität Amsterdam und wurde 1995 in Arnheim auf deutsch verlegt. Nun hat der junge Leipziger Verlag Faber & Faber die Ausgabe in Kommission genommen.

          Das ist verdienstvoll, bietet das Buch doch eine exemplarische Quelle nicht nur für die Exilgeschichte während des Dritten Reiches, sondern mehr noch für die Einflüsse, die die Exilierten in ihren Gaststaaten ausübten. So widmet sich ein ganzes Kapitel dem niederländischen Buchdesign vor 1933. Denn erst der 1932 (als Sechsundzwanzigjähriger) freiwillig nach Amsterdam gewechselte, dann aber gezwungenermaßen dort verweilende Friedlaender hat in den Niederlanden die modernen Einflüsse aus Bauhaus und Neuer Typographie heimisch gemacht. Er veröffentlichte das erste niederländische Lehrbuch für Typographie, und seine Kurse für Buchgestalter prägten den dortigen Nachwuchs auf Jahrzehnte. Den Beispielen des reichbebilderten Buchs kann man entnehmen, wieviel Mühe Friedlaenders Credo erforderte, daß die beste Typographie diejenige sei, die man nicht bemerke. Kurt Löb findet für diese Arbeit den passenden Begriff: "graphische Feinmechanik".

          Besonders interessant ist das Buch aber wegen der Unterschiedlichkeit seiner beiden Protagonisten. War Friedlaender Jude und im Exil als Gestalter überaus erfolgreich, so floh Paul Urban als Kommunist aus Deutschland und hatte es in der Fremde weitaus schwerer. Anhand der Abbildungen kann man das künstlerisch durchaus nachvollziehen: Friedlaender wirkt wesentlich klassischer und eleganter, während Urban dem Kreis um John Heartfield entstammte und deshalb der Photomontage zugeneigt war. Doch Urbans politisches Engagement verhinderte die Konzentration auf seinen Beruf. Der Künstler war wahrscheinlich in der Exilszene als Agent der sowjetischen Geheimpolizei aktiv und ist denn auch zur Zeit der großen "Säuberungen" 1938 in Moskau verschollen. Löb vermutet sicher zu Recht, daß auch Urban ein Opfer Stalins wurde.

          Leider kann der Autor sich aber gerade bei diesem faszinierenden Thema nicht zu einer Aussage durchringen. Natürlich war es nicht Löbs Aufgabe, eine genaue Biographie Urbans vorzulegen, aber ansatzweise tritt sein Buch eben mit diesem Anspruch auf. Dann aber hätte mehr Recherche einfließen müssen als nur die Sichtung des Briefwechsels mit dem Allert de Lange-Verlag. So stützt sich Löb weitgehend auf andere Darstellungen, die aber Urbans Rolle unter den Exilierten nur am Rande behandeln. Außerdem gerät Löbs Buch bisweilen zur Apologie, denn er bringt Urban aus schwer nachvollziehbaren Gründen höchste Wertschätzung als Künstler entgegen. Diese Sympathiebekundungen sind zwar ihrerseits wieder sehr sympathisch, mindern aber offenkundig den kritischen Blick auf das Vorbild.

          Ansonsten aber erhalten wir gerade nicht nur eine Studie zur individuellen Exilsituation, sondern auch einen Schnellkurs in Buchgestaltung dieses Jahrhunderts. Mit Henri Friedlaender, der die deutsche Besatzungszeit im Versteck überlebte, 1950 nach Israel emigrierte und 1971 den Gutenberg-Preis erhielt, lernen wir einen Vertreter der virtuosen und allgemein gefälligen Richtung kennen. Urban dagegen gab sich nie Mühe, dem traditionellen Geschmack zu entsprechen. Beide zusammen haben mehr als die Hälfte aller Bücher des deutschsprachigen Programms von Querido und Allert de Lange vor 1940 gestaltet und damit unser Bild dieser Exilverlage entscheidend mitbestimmt. Daß sie nun eine längst überfällige Würdigung erfahren, läßt hoffen, daß bald auch andere weniger prominente Berufsgruppen die Aufmerksamkeit der Exilforschung finden werden. ANDREAS PLATTHAUS

          Kurt Löb: "Exil-Gestalten". Deutsche Buchgestalter in den Niederlanden 1932-1950. Gouda Quint, Arnheim 1995. In Kommission bei Faber & Faber, Leipzig. 343 S., Abb., br., 108,- DM.

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