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Rezension: Sachbuch : Gottvater lebt in dürftigen Verhältnissen

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Das Mutterrecht des Schwiegersohns: Paul Lafargues satirische und seriöse Betrachtungen zum Kampf der Geschlechter

          Am bekanntesten ist dieser kreolische Schwiegersohn von Marx durch sein Buch "Das Recht auf Faulheit" geworden, mit dem er die unkritische Hochschätzung von Arbeit und Arbeitsamkeit im Bürgertum wie im Proletariat satirisch bekämpfte. Nicht nur mit dieser Schrift stieß er bei den Orthodoxen seiner Partei auf Kritik. Marx soll einmal angesichts einer Äußerung Lafargues bemerkt haben, er jedenfalls sei dann "kein Marxist". Fest steht, daß Lafargue bei aller Bewunderung für den Schwiegervater und bei aller Dankbarkeit gegenüber Engels, der ihn jahrelang finanziell kräftig unterstützt hat, eigenwillig und in mancher Hinsicht "moderner" dachte als die "Patriarchen".

          Als Patriarch verhielt sich selbst Karl Marx ihm gegenüber, indem er voreheliche Abstinenz und Abschluß des Medizinstudiums als Vorbedingung für die Eheschließung mit Laura Marx forderte. Zwar hat Lafargue im englischen Exil sein Studium beendet, aber die eigene Hilflosigkeit gegenüber seinen hinfälligen Kindern und der Wille, politisch aktiv zu sein, haben dazu geführt, daß er den Beruf bald an den Nagel hängte. Marx hätte seiner Tochter lieber eine gutbürgerliche und friedliche Ehe verschafft. Eine gewisse südländische Unbekümmertheit erlaubte es Lafargue trotz wiederholter Verfolgung und Flüchtlingselend, seinem hedonistischen Ideal erfolgreich nachzukommen.

          In dem vorliegenden, höchst interessanten Sammelband sind Arbeiten Lafargues zusammengefaßt, in denen er die Entwicklung vom bürgerlichen Matriarchat zum Patriarchat und die Hoffnung auf eine Befreiung der Frau durch die sozialistische Revolution thematisiert. Am besten beginnt man die Lektüre mit dem Essay "Die Frauenfrage", der Lafargues Motiv für seine Beschäftigung mit mythischen Texten und den Sitten der Naturvölker deutlich macht.

          In diesem Artikel aus dem Jahr 1904 schildert der Verfasser die Einstellung der Bürger, der Kleinbürger und der Proletarier zum weiblichen Geschlecht. Während das wohlhabende Bürgertum die Rolle der Frau auf Heim und Herd zu beschränken sucht und unter günstigen wirtschaftlichen Umständen der Ehefrau ein müßiges Luxusleben gestattet, im übrigen aber die Theorie von der "Minderwertigkeit" der Frau aufstellt, um deren Wunsch nach Gleichberechtigung zu unterdrücken, werden die Frauen im Kleinbürgertum zu Konkurrentinnen um Arbeitsplätze und im Proletariat zu "Kämpferinnen im gemeinsamen Bemühen um Emanzipation".

          Dabei vernachlässigt Lafargue die Tatsache, daß auch in der Arbeiterbewegung keineswegs generell die politische Gleichberechtigung der Frau gefordert und die Beschränkung auf den Haushalt ebensowenig abgelehnt wurde. Die Grenzen zwischen Kleinbürgertum und Proletariat waren nicht so deutlich, wie es Lafargue behauptet. Am interessantesten ist aber in seinem Artikel die Diskussion um die angebliche intellektuelle Inferiorität der Frau. Biologische Daten über die Vitalitätsunterschiede von Jungen und Mädchen sprechen im Gegenteil für eine größere Vitalität des weiblichen Geschlechts, und auch der Vergleich der relativen Größe wichtiger Organe fällt zu ihren Gunsten aus. Die Ausschließung von vielen Tätigkeiten außerhalb des Hauses und von Bildungsangeboten habe aber in der bürgerlichen Epoche im Unterschied zum Leben in primitiven Kulturen die Entwicklung der weiblichen Intelligenz und damit zugleich den Fortschritt beider Geschlechter behindert.

          Hier argumentiert Lafargue ähnlich wie Adam Smith, der in seinem Hauptwerk monotone Arbeit und geringe Herausforderung durch abwechselnde Tätigkeiten für ein Zurückbleiben der Intelligenz von Fabrikarbeitern verantwortlich macht, die bei ihrer Geburt nicht weniger geistige Anlagen gehabt hätten als ein Philosoph. Ausschlaggebend für die im Augenblick bestehenden Unterschiede von Intelligenz und Initiative ist also die soziale Lage, insbesondere die patriarchale Bevormundung der Frauen in der kapitalistischen Gesellschaft.

          Eine Reihe von Arbeiten über Mutterrecht, Hochzeitsbräuche und Mythen kreisen fast ausschließlich um die These, daß ursprünglich die Frauen sowohl an Intelligenz als auch an Weitsicht und Verantwortungsbewußtsein den Männern überlegen waren und alle Völker anfangs matriarchalisch organisiert waren und weibliche oder androgyne Gottheiten kannten. Spuren dieser Frühzeit findet Lafargue noch in Hochzeitsliedern auf dem Lande und in Bräuchen, die an das Trauma der gewaltsamen Einführung des Patriarchats erinnern.

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