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Rezension: Sachbuch : Goethe war recht geschickt, aber Vicki Baum erst!

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Zehn Bücher, die Überlebensration für die einsame Insel, sind ein Existenzminimum, über das getrost jeder Leser für sich entscheiden mag. Mit der Zahl hundert beginnen die Probleme. Hundert Exempla classica, so der Name der wunderschönen "Fischer Bibliothek der hundert Bücher", die Walther Killy ...

          Zehn Bücher, die Überlebensration für die einsame Insel, sind ein Existenzminimum, über das getrost jeder Leser für sich entscheiden mag. Mit der Zahl hundert beginnen die Probleme. Hundert Exempla classica, so der Name der wunderschönen "Fischer Bibliothek der hundert Bücher", die Walther Killy in den sechziger Jahren veranstaltete, erheben, ob sie wollen oder nicht, Anspruch auf Verbindlichkeit. Sie stellen einen Kanon dar und sind deshalb ohne Normen und Geschmacksbefehle nicht zu haben, also nicht ohne Streit. Seitdem gab es mehr Streit als Kanons und eine Kanon-Diskussion vor allem im germanistischen Überbau, die mit größter Sorge die (konservative) Macht des Kanons "hinterfragte", während gleichzeitig die Basis, Leselust, Lesefähigkeit und die Kenntnis der Werke, immer mehr abhanden kam. Glücklicherweise aber haben wir noch resolute Liebhaber der Literatur, die sich von der "Kanonforschung" nicht bange machen lassen. Und sie schreiten jetzt, als sei ein Bann gebrochen, zur Tat. Renaissance des Kanons heißt die Parole. Marcel Reich-Ranicki hat gerade seinen Kanon der deutschen Romane bekanntgegeben, Dramen, Gedichte, Erzählungen und Essays werden folgen. Und Joachim Kaiser wartet im Verein mit dem Harenberg-Verlag mit einem Pracht- und Prunkstück auf, dem "Buch der 1000 Bücher". Die Literatur ist offenbar (wie die Schöpfung) nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet. Die Zauberzahl tausend ist erreicht. Also endlich ein üppiges und deshalb unanfechtbares Maß?

          Doch handelt es sich noch um einen Kanon oder nicht eher um einen Supermarkt? Man blättert und gerät in eine bunte Welt. Mehr als 1250 meist farbige Abbildungen auf fast ebensoviel Seiten erfreuen das Auge. Fast 890 Autoren werden aufgeboten, tausend Werke im Detail vorgestellt; dazu gesellt sich eine Fülle von "informativen Sonderelementen" in übersichtlichen Kästen, mit Werkübersichten, Definitionen von Fachbegriffen, Auflistung von Romanpersonal, Zitatproben. Gewiefte Lexikonmacher sind mit Lust am Werk. Man blättert und genießt die Überraschungseffekte: Rudolf Augstein steht da neben Augustinus, Waldemar Bonsels "Biene Maja" neben Borges, Kierkegaard neben Stephen King und so fort, alle gleichermaßen von der millenaren Sonne beschienen, und das heißt: mit nahezu gleichen Kontingenten bedacht.

          Puristische Kanoniker müssen noch tiefer durchatmen, wenn Jane Austen oder Borges oder Dante kürzer wegkommen als ihre Nachbarn Stefan Aust, Nicolas Born und Erich von Däniken. Man blättert und staunt über ingeniös eingestreute Begegnungen der merkwürdigen Art. Da erscheinen "Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung" und David Lodges "Ortswechsel" (mit Verzeichnis der wichtigsten Campusromane) oder Samuel Hahnemanns "Organon der rationellen Heilkunde". Man lernt: Hier herrschen das Wohlwollen eines Lexikons und eine Toleranz, die Findigkeit über Ausgrenzung stellt. Man ist verblüfft, möchte nicht kleinlich sein und nimmt deshalb erst allmählich wahr, daß solcher Überfluß mit einem äußerst unfreundlichen Gewaltakt erkauft worden ist. Vielleicht hätte man zunächst die "Benutzerhinweise" lesen sollen, denn dort steht in schöner Lakonie: "Dramen fanden grundsätzlich keine Aufnahme." Um welchen Grundsatz es sich handelt, erfährt man nicht. Die Unfreundlichkeit ist perfekt.

          Dabei hatte Joachim Kaiser in seinem "Wegweiser für Leser" gerade noch über die ungelenken Kanon-Verächter gespottet und für die sanfte Hilfe oder gar Nötigung eines Kanons geworben - mit Berufung auf das unbestreitbar Kanonische, die klassischen Tragödien und den "König Ödipus", Shakespeares Hamlet, Lear, Shylock, Ophelia und natürlich Goethes "Faust". Nun aber: Nichts davon findet Eingang in das Angebot der "1000 Bücher". Tragen wir es mit Fassung und warten wir auf das Buch der 1000 Dramen, das womöglich folgen wird? Vorerst jedenfalls können sich nur ein paar Dramatiker vor dem Nichts retten, sofern sie gelegentlich ihr Hauptgeschäft vernachlässigt haben. Shakespeare überlebt mit seinen Sonetten, Büchner mit der "Lenz"-Erzählung, Grillparzer mit dem "Armen Spielmann" und Schiller gerade eben noch - mit dem braven "Verbrecher aus verlorener Ehre". Nicht einmal im Informationskasten mit seinen "wichtigsten Büchern" darf ein Drama erscheinen. Der schwer Zurechtgestutzte (dessen Vater das Druckerpech vom Wund- zum "Wunderarzt" befördert) büßt offenbar spät für ein schweres Vergehen, die böse Rezension über Gottfried August Bürger - hier muß er sich mit dem gleichen Platz begnügen wie Bürger ("Münchhausen") oder Ulrich Bräker ("Der arme Mann im Tockenburg"). Unbegreiflich und geradezu schändlich ist allerdings der völlige Ausschluß Lessings, der ganz und gar an der Dramatiker-Klausel scheitert, als hätte er sonst nichts zu bieten. Fehlanzeige gleich auch noch für seinen Freund Moses Mendelssohn. Nicht anders ergeht es Hofmannsthal (der nur, und dies auch noch mit falscher Schreibung, im Register auftaucht). Wo man ihn sucht, steht, ganz zu Recht, Hoffmanns "Struwwelpeter". Auflagenzahlen sorgen für klare Verhältnisse im Bücherparadies.

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