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Rezension: Sachbuch : Glückskinder der späten Geburt

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Ein neues Land entsteht. Ein altes Land entsteht. Es hieß früher DDR, dann Die-fünf-neuen-Länder, jetzt heißt es Ostdeutschland, jetzt heißt es Zone. Ein vergessenes Land. Von den eigenen Bewohnern vergessen. Vom Westen ohnehin. Die Flut, die bis vor zwei Wochen das Land überspülte, hat die Menschen ...

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          Ein neues Land entsteht. Ein altes Land entsteht. Es hieß früher DDR, dann Die-fünf-neuen-Länder, jetzt heißt es Ostdeutschland, jetzt heißt es Zone. Ein vergessenes Land. Von den eigenen Bewohnern vergessen. Vom Westen ohnehin. Die Flut, die bis vor zwei Wochen das Land überspülte, hat die Menschen im Osten Deutschlands plötzlich hundertfach in Klage-, Arbeits-, Notinterviews all den anderen wieder neu bekannt gemacht. Die plötzliche Wieder-Erkenntnis einer fast schon vergessenen Zusammengehörigkeit einander reichlich Fremder löste eine Spendenschock-, eine Solidarisierungswelle bislang nicht gekannten Ausmaßes aus.

          Doch die Fremdheit bleibt. Die Fremdheit wächst sogar. Der Soziologe Wolfgang Engler zitiert in seinem neuen Buch "Die Ostdeutschen als Avantgarde" eine Statistik des Sozialreports, die belegt, daß sich die Menschen in den neuen Ländern dem Raum "Ostdeutschland" zu 80 Prozent stark oder ziemlich stark verbunden fühlen. Eine Zahl, die in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist, gleichzeitig sank das Gefühl der Zugehörigkeit zur Bundesrepublik von 65 Prozent im Jahr 1992 (als man noch gar nicht auf die Idee kam, nach dem Zugehörigkeitsgefühl zu so etwas wie "Ostdeutschland" zu fragen) auf 44 Prozent im Jahr 2001. Rückbesinnung Ost, 13 Jahre nach dem Mauerfall. Warum?

          Weil die Jahre nach dem November 1989 für die Ostdeutschen Jahre des Vergessens, des Verdrängens, Jahre der Anpassung gewesen sind. Weil ein ganzes Land mehr als zehn Jahre lang vor allem damit beschäftigt war, den Westen zu beobachten, den Westen zu erforschen, den Westen zu kopieren. Sich gleich zu machen, sich zu verkleiden. Den Dialekt zu verlernen, den richtigen Stil zu erlernen, den richtigen Lebensweg.

          Am besten waren in diesem Wettbewerb die jungen, die damals Kinder waren, als die Mauer fiel. Wie Jana Hensel, damals 13, heute 26, die jetzt ein Buch darüber geschrieben hat. Über die Jahre, in denen der Osten ein Unwort war, in denen man sich keine Geschichten aus der eigenen Kindheit erzählte, sondern zuhörte bei den anderen, denen aus dem Westen, um zu lernen, wie sie waren, die respektablen, die allgemein anerkannten Frühestlebensläufe, die Kindergeschichten aus dem Westen, die man selbst nicht erlebt hatte. Das Buch heißt "Zonenkinder", erscheint in dieser Woche und ist eine Art Schlußpunkt, das Zusammenfassungsbuch einer Entwicklung, die in den letzten Jahren in vielen Romanen, Erzählungen, Berichten in Büchern und auf Lesebühnen von jungen Autoren aus dem Osten wieder und wieder geschrieben und gelesen wurde. Erzählt euch eure Geschichten! Geschichten aus einem vergessenen Land. Und sie erzählten. Mit viel Erfolg. Jakob Hein, Jana Simon, André Kubiczek, Jochen Schmidt, Falko Hennig und viele andere haben, unter dem glücklichen Applaus ihrer Altersgenossen und anderer, Selbstbeschreibungs-, Weltbeschreibungstexte-Ost geschrieben und damit den interessantesten Teil der jungen deutschen Literatur in den letzten Jahren geliefert. Spätestens vor einem halben Jahr von jedem relevanten Feuilleton Deutschlands ausführlich beschrieben, letzten Donnerstag sogar vom gänzlich zeitlosen Literaturteil der "Zeit" bemerkt.

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