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Rezension: Sachbuch : Gladstone lernte von Lecky, was Lecky nicht hören wollte

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Ein Whig ohne alte Zöpfe: Benedikt Stuchtey erklärt, warum der Historiker Irlands sich über den Erfolg seines Buches nicht freute

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          Der anglo-irische Historiker W. E. H. Lecky ist heute nur noch wenigen bekannt. Diejenigen, die sich mit der britischen Geschichte beschäftigen, kennen von ihm allenfalls den auf Irland bezogenen Teil seiner zwischen 1878 und 1890 in acht Bänden erschienenen Geschichte Englands im achtzehnten Jahrhundert, der 1892 separat veröffentlicht und 1972 in einer von L. P. Curtis, Jr. vorzüglich eingeleiteten, allerdings gekürzten Ausgabe neu herausgegeben wurde. Die Lektüre dieses Werkes ist nicht zuletzt deshalb lohnend, weil in ihm zu einem relativ späten Zeitpunkt noch einmal ganz exemplarisch die Whiggesinnung des achtzehnten und der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zusammengefaßt ist. Als "Whig après la lettre" hat ihn J. W. Burrow bezeichnet, und in einem Leserbrief an die "Times" hat sich Lecky selber einmal einen "Old Whig" genannt.

          Whiggistisch ist in Leckys Geschichte Irlands im achtzehnten Jahrhundert der Grundgedanke von der stabilisierenden Rolle einer Elite, worunter er in erster Linie die Grundbesitzer verstand. Demokratisierung bedurfte des Gegengewichts und der Kontrolle durch Besitz und Bildung; sie konnte nur dort gewagt werden, wo der "Einfluß des Eigentums ungebrochen ist". So verurteilte Lecky, daß man den irischen Katholiken 1793 das aktive, nicht aber das passive Wahlrecht gab, da man sie damit der Führung ihrer Gentry beraubte. Whiggistisch ist aber auch der Gedanke, daß Reformverweigerung zur Revolution führt. Die Rebellion der United Irishmen im Jahre 1798 war für Lecky die Konsequenz mangelnder Flexibilität - der Weigerung, eine Parlamentsreform in Irland durchzuführen und den Katholiken das passive Wahlrecht zu geben. Und so ordnungsbetont Lecky auch war, als typischer Whig wußte er, daß bei hartnäckigem Widerstand gegen notwendige Veränderungen auf das Mittel der Revolutionsdrohung nicht verzichtet werden konnte. Ohne sie, schrieb er, wäre die englische Wahlrechtsreform von 1832 niemals zustande gekommen.

          Lohnend ist die Lektüre von Leckys Geschichte Irlands aber auch deshalb, weil uns in ihr ein Protestant mit starkem irischen Nationalgefühl entgegentritt und weil hier zum ersten Mal der Versuch unternommen wurde, bei der Darstellung der Konflikte zwischen Engländern und Iren, Protestanten und Katholiken Objektivität und Gerechtigkeit walten zu lassen. Lecky war bemüht, die Rückständigkeit und die Probleme Irlands auf konkrete historische Vorgänge oder Versäumnisse zurückzuführen und sie nicht einem vermeintlichen irischen Charakter anzulasten. So zeigte er eindringlich die verhängnisvollen demoralisierenden Folgen der Strafgesetze gegen die Katholiken, die nach der Revolution von 1688 erlassen worden waren. Für Lecky ging es dabei um den Nachweis der "moralischen Wirkungen schlechter Gesetze und verwerflicher sozialer Bedingungen".

          Allerdings ist unverkennbar, daß sich die Bewertung von Vorgängen und sozialen Gruppen in Irland im Verlauf von Leckys Darstellung änderte und er vor allem die protestantischen Grundbesitzer zunehmend positiver beurteilte. Eine Erklärung dafür bietet jetzt Benedikt Stuchtey, dessen Dissertation das historische Werk von Lecky erstmals ausführlich behandelt und in seinen biographisch-zeitgenössischen Kontext stellt. Stuchtey legt dar, daß die in Leckys Schriften nachweisbaren Veränderungen und Akzentverschiebungen in erster Linie auf die jeweilige Situation in Irland sowie die aktuelle Auseinandersetzung mit dem Irlandproblem in der englischen Politik zurückzuführen sind und Leckys Stellung als irischer "absentee landowner" dabei eine besondere Bedeutung besaß. Aus der Arbeit von Stuchtey geht ferner hervor, wie stark Leckys Ablehnung von Home Rule für Irland durch imperiale Erwägungen bestimmt wurde und wie eng er sich dadurch James Anthony Froude (und Froudes Mentor Carlyle) annäherte, gegen dessen autoritär-bornierte Sicht sich seine Darstellung der irischen Geschichte ursprünglich gerichtet hatte.

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