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Rezension: Sachbuch : Gewalt und Getreide

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Robert Bartlett läßt Europa erst im Hochmittelalter entstehen

          Nimmt das theoretische Interesse an Europa, seiner Geschichte und Kultur, im gleichen Maße zu, wie das Räderwerk der europäischen Einigung ins Stocken gerät? Jedenfalls gibt es einen Boom für Europa-Literatur aller Art. Das hier zu besprechende Buch ist kein solches Konjunkturprodukt. Erfreulich ist vieles an dem gediegenen Band, etwa der komparatistische Ansatz, der es ermöglicht, die Vielfalt der Phänomene und Entwicklungen prüfend zueinander in Beziehung zu setzen, ohne sie in mehr oder weniger hegelianischer, gewaltsamer Weise über den Einheitsleisten einer providentiellen Europa-Geschichte à la Hans Freyer zu schlagen.

          Im einzelnen geht es etwa um die Expansion der lateinischen Christenheit; um den Zusammenhang von Militärtechnik und politischer Macht; um die Entwicklung der dörflichen Gesellschaft und ihrer Rechtsformen aus dem größeren Verbund der europäischen Grundherrschaft; um die Verwandlung der Landschaft durch Kolonisation und Binnenkolonisation, die zu einer generellen Siedlungsverdichtung, zur "Vergetreidung" Europas führte; um die Entstehung eines Städtewesens mit seinen überregionalen Zusammenschlüssen wie der Hanse; um das Ausgreifen von Handels- und Stadtrepubliken wie Genua und Venedig in die außereuropäische Welt.

          Mit Recht wird in diesem Zusammenhang betont, daß es bei diesen Expansionsformen Europas, zu denen als ihr militanter Teil auch die Kreuzzüge gehören, einen wesentlichen Unterschied ausmacht, ob es sich um die Begegnung mit alten, urbanisierten mittelmeerischen Hochkulturräumen handelt, die sich dann der Islam anverwandelt hat, oder ob es um die Aneignung paganer Regionen geht, wo mit der Christianisierung überhaupt erst der Eintritt in eine komplexe Zivilisation eingeleitet wurde. Man erkennt diese Unterschiede am Ergebnis: Die Kreuzfahrerstaaten verschwanden wieder in relativ kurzer Zeit, weil sie sich inmitten einer hochentwickelten islamisch-arabischen Kultur nicht halten konnten, wohingegen in Ostmitteleuropa die "Garnisonsgesellschaften" etwa des Deutschen Ordens mit staatlicher Organisation und planmäßiger Besiedlung einen beträchtlichen Beitrag zur staatlichen Strukturierung dieses Großraums leisteten.

          Bemerkenswert ist die Fülle der Aspekte, die sich erst aus einer vergleichenden Analyse oft sehr unterschiedlich gearteter Regionen entwickeln lassen. Da geht es beispielsweise um die Formen des expansiven Land- und Seehandels seit dem 11., 12. und 13. Jahrhundert oder um das generelle Phänomen der strukturellen wie mentalen Homogenisierung Europas, die der Verfasser als "Europäisierung Europas" bezeichnet und in einsichtiger Weise mit dem Phänomen der "Amerikanisierung" der Welt im 20. Jahrhundert vergleicht.

          Doch seien auch einige kritische Anmerkungen gemacht. So ist die Definition der mittelalterlichen Stadt nach entweder ökonomischen oder rechtlichen Gesichtspunkten unzulänglich. Dabei sei nur an Max Webers Bemühungen um eine realitätsnahe Definition städtischer Siedlungen erinnert. Neben Wirtschaft und Recht gehört zum Wesen einer Stadt, daß sie Herrschaftsmittelpunkt, religiöser Kultmittelpunkt und damit auch Sitz sakraler Herrschaft gewesen sein kann und Produktionszentrum; man denke an städtische Textillandschaften wie Flandern und Oberitalien.

          Auch das Kapitel "Militärtechnik und politische Macht" ist in einem wichtigen Punkt unvollständig geblieben. Sosehr es auch für den Leser von Interesse sein kann, Einzelheiten über Art und Funktionsweise von Waffen oder über den sicher wichtigen Burgenbau zu erfahren, bleibt doch der Verfasser eine Antwort auf die politische Organisation des Kriegswesens schuldig. Wenn etwa in ottonischer Zeit ein schriftlich erhaltenes Aufgebot des Reichsheeres erkennen läßt, daß zwei Drittel dieses Heeres aus Kontingenten bestanden, die sowohl die Bistümer wie auch die Reichsklöster dem König und Kaiser zu stellen hatten, dann sagt dies etwas Entscheidendes über das verfügbare Machtpotential Mitteleuropas aus, das eben auch für die politische Expansion des Kontinents essentiell wurde. Bistümer und Klöster stellten damit auch die Abertausende von Panzerreitern ("loricati"), die gleichsam die Sherman-oder Leopard-Panzer der Zeit gewesen sind. Es war dies sicher eine letztlich fragwürdige, aber eminent wirksame Kombination von "Geist und Macht", die Europas Geschichte tief prägte.

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