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Rezension: Sachbuch : Geraubte Bilder, gestohlene Biographie

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Das hat sie nicht verdient, die Sophie Schneider, die in erster Ehe mit dem Kunsthistoriker Paul Küppers, in zweiter mit dem russischen Künstler El Lissitzky verheiratet war. Ihre Biographie kann man als fast exemplarisch, sowohl für die Zeitläufte im wirren zwanzigsten Jahrhundert als auch für die Kunstgeschichte ...

          Das hat sie nicht verdient, die Sophie Schneider, die in erster Ehe mit dem Kunsthistoriker Paul Küppers, in zweiter mit dem russischen Künstler El Lissitzky verheiratet war. Ihre Biographie kann man als fast exemplarisch, sowohl für die Zeitläufte im wirren zwanzigsten Jahrhundert als auch für die Kunstgeschichte und diejenigen betrachten, die sie geschrieben haben.

          Im Jahr 1916 heiratet die junge Kunsthistorikerin aus wohlhabender Münchner Verlegersfamilie ihren Studienkollegen Paul Küppers. Noch im selben Jahr wird dieser zum Direktor der gerade mit privaten Mitteln gegründeten Kestner-Gesellschaft in Hannover berufen, die er alsbald zu einem Zentrum der Avantgarde entwickelt. Das Paar kann dank des Erbes von Sophie nicht nur ein gastfreundliches großes Haus führen, sondern auch den Grundstock einer kleinen Sammlung legen. Schon nach kurzer Ehe, im Januar 1922, stirbt Paul Küppers und läßt seine junge Frau mit zwei kleinen Söhnen zurück. Zwar leidet sie nicht Not, aber die Arbeit ihres Mannes kann sie gleichwohl nicht fortsetzen, auch die Kestner-Gesellschaft ist in eine Krise gerutscht. Noch durch ihren Mann hatte Sophie Küppers die Arbeiten des russsischen Avantgardisten El Lissitzky kennengelernt. Ihre erste Begegnung, die später in eine große Liebe und lange Ehe münden sollte, schildert Sophies Biographin Ingeborg Prior im Ton der Boulevardpresse: "Und da waren diese dunklen Augen, in denen das Feuer der russischen Revolution glühte. Und der Hunger auf Leben. Und diese ansteckende Energie, die El Lissitzky ausstrahlte." Wer das Schicksal der Sophie Lissitzky-Küppers kennt und ihr einmal begegnet ist, der möchte die Biographie schon jetzt, nach 46 Seiten, aus der Hand legen.

          Aber die Autorin und ihr Verlag haben ihr Thema über das Biographische hinaus erweitert: "Die geraubten Bilder" heißt der Titel des Buches, und das soll die Erwartung wecken, man erhalte Aufklärung über einen großen Kunstraubskandal des zwanzigsten Jahrhunderts. Daß man mit der Spekulation zunächst richtig lag, schien sich zu bestätigen, als kurz vor Erscheinen des Buches in Frankfurt am Main auf einer seltsamen Pressekonferenz eine Broschüre vorgestellt wurde, die unter dem Titel "36 Briefe" ebenfalls versprach, Licht in dieses Kapitel der Kunstgeschichte zu bringen.

          Unstrittig und in Priors Biographie auch weitgehend korrekt dargestellt werden einige Lebenslinien. Sophie verliebt sich in Lissitzky, pflegt ihn, der sein Leben lang kränkelt, arbeitet mit ihm und richtet Ausstellungen für ihn ein. Sie fällt schließlich die folgenschwere Entscheidung, ihm 1927 in die Sowjetunion zu folgen und läßt ihre beiden Söhne zunächst in einem Internat in Deutschland zurück. Sie erhält die sowjetische Staatsbürgerschaft ("deutscher Nationalität", wie es in solchen Papieren hieß) und teilt das Schicksal so vieler ihrer naturalisierten Landsleute: Sie wird nach Sibirien, nach Nowosibirsk, deportiert.

          Der älteste ihrer Söhne, die sie schließlich doch nach Moskau geholt hatte, geht zurück nach Deutschland und stirbt nach dem Krieg in der DDR, der jüngere, Hans, wird 1944, nach dem Tode Lissitzkys, in ein sowjetisches Lager verschleppt und kommt dort um. Zuvor hat er eine uneheliche Tochter gezeugt. Soweit die Familiengeschichte, die nicht komplett wäre, würde man nicht den dritten Sohn der Sophie erwähnen, Boris Lissitzky, der sich später Jen nennt und heute in Spanien lebt. Dies alles wäre für eine Biographie dieser ungewöhnlichen Frau Stoff genug gewesen, der nicht der Ausweitung in einen postumen Krimi bedurft hätte.

          Unter unsäglichen Mühen schafft sie es, ein Buch über ihren Mann in der DDR herauszugeben, sie sorgt dafür, daß sein Werk in Moskau mit Hilfe von Freunden in einem Museum unterkommt. Bei alledem hilft ihr der einzige verbliebene Sohn Jen - das unterliegt keinem Zweifel und ist von ihr in zahlreichen Briefen dokumentiert. Daß er von ihr auch als Alleinerbe eingesetzt wird, erscheint nur logisch, wobei zum Zeitpunkt ihres Todes im Dezember 1978 nicht viel Aussicht auf ein wirkliches Erbe bestand. Aber Jen Lissitzky sah das anders. Als Halbjude beantragte er die Emigration nach Israel und kam über Wien nach Deutschland: Hier beginnt nun der Krimi um die "geraubten Bilder", der mit Sophies Biographie nur noch wenig zu tun hat.

          Jen besaß eine Liste der dreizehn Bilder, die Sophie bei ihrer Ausreise nach Moskau dem Hannoverschen Provinzialmuseum als Leihgaben überlassen hatte. Darunter ein Mondrian, zwei Klees, ein Grosz, ein Schmidt-Rottluff und - als Höhepunkt aus heutiger Sicht -, Wassily Kandinskys "Improvisation Nr. 10", die heute in der Stiftung des Baseler Kunsthändlers Beyeler zu sehen ist. Jen Lissitzky will die Bilder zurückhaben und hat sich mit Clemens Toussaint zusammengetan, der es auf diesem Gebiet zu einigem, wenn auch zweifelhaften Ruhm gebracht hat. Ein Bild von Paul Klee hat er bereits von einem japanischen Museum erhalten, die meisten der Bilder sind jedoch verschollen.

          Die Sache wäre juristisch relativ einfach, wären da nicht auch noch die Nachkommen des Paul Küppers mit Erbansprüchen auf den Plan getreten. Etwa jene Olga, die Enkelin von Sophie und Tochter ihres Sohnes Hans. An sie hat Sophie jene sechsunddreißig rührend-strenge Briefe geschrieben, die in der dubiosen Broschüre abgedruckt sind, in der weder ein Verlag noch ein Autor genannt werden und die mittlerweile vom Markt verschwunden ist. Aber die "Oma" Sophie ist ohnehin von keinem großen Interesse, das jedenfalls kann man der Biographie von Ingeborg Prior entnehmen. Wer je mit der alten Dame persönlich zu tun hatte, kann sie sich in dieser Rolle ohnehin schlecht vorstellen. In dem Krimi spielt neben Toussaint natürlich auch die einschlägig bekannte Galerie Gmurzynska eine Rolle. Durch sie hatte sich Sophie über Jahre immer wieder Arbeiten Lissitzkys entlocken lassen, die von Köln aus verkauft wurden, ohne daß nach Ankunft von Jen dann die versprochenen Erlöse zur Verfügung standen. Auch hier: Prozeß, Einigung, Zahlung. Bevor es mit der Fondation Beyeler zu einem Prozeß kam, auch hier außergerichtliche Einigung. Die Miterben Küppers werden nun ebenfalls bedacht und das Bild kann in der Fondation bleiben.

          Man kann diese Erbschaftsgeschichte, der Ingeborg Prior nicht nur unangemessen viel Raum gibt, sondern bei deren Darstellung sie sich offenbar ohne große Eigenrecherche auf die Aussagen von Jen Lissitzky und Clemens Toussaint stützt, moralisch, rechtlich oder schlicht menschlich zu beurteilen versuchen. Mit Sophie Lissitzky-Küppers hat das alles nichts zu tun. Ingeborg Prior hat damit eine Chance versäumt, diese Frau im Kontext der Kunstgeschichte und der Geschichte ihrer Zeit zu porträtieren. Das Schicksal dieser Frau war gewissermaßen paradigmatisch für die Kraft der Avantgarde und ihre Verstrickung in die politischen Zeitläufte. Das hätte eine Biographie darzustellen - und deshalb hat Sophie Lissitzky-Küppers die Biographie, die sie erhielt, auch nicht verdient.

          HANS-PETER RIESE

          Ingeborg Prior: "Die geraubten Bilder". Die abenteuerliche Geschichte der Sophie Lissitzky-Küppers und ihrer Kunstsammlung. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 2002. 303 S., Abb., geb., 22,90 [Euro].

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