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Rezension: Sachbuch : Geld- oder Geistesgeschichte?

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Der edle Moses Mendelssohn verachtete den jüdischen Münzlieferanten Heine Veitel Ephraim, denn er hielt dessen Geschäft für "unecht". Dazu meint die Historikerin Selma Stern trocken: "Aus dem Geschäftsgebaren des Ephraim im Rahmen seiner Münzunternehmungen spricht der politisch-ökonomische Geist der Zeit, ...

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          Der edle Moses Mendelssohn verachtete den jüdischen Münzlieferanten Heine Veitel Ephraim, denn er hielt dessen Geschäft für "unecht". Dazu meint die Historikerin Selma Stern trocken: "Aus dem Geschäftsgebaren des Ephraim im Rahmen seiner Münzunternehmungen spricht der politisch-ökonomische Geist der Zeit, aus den Worten Moses Mendelssohns der Geist jüdischer Ethik." In diesem Buch geht es nicht um Ethik, sondern um Geld. Von dem Hoflieferanten und Kriegskommissar Samuel Oppenheimer heißt es, er sei "nahezu ungebildet" gewesen und er habe mehr die Taten als die Worte geliebt, er "war hart, verschlossen und von einer fast starren Einseitigkeit". Solche und ähnliche Charakterisierungen von Hofjuden sind für Selma Stern jedoch keine Werturteile, sondern neutrale Beschreibungen von Männern, die Geld auftreiben wollten, um hiermit wiederum Geld zu verdienen. Die Hofjuden waren Abenteurer und schillernde Gestalten, sie lebten in der Zeit des höfischen Absolutismus und des Frühkapitalismus, also vor der Zeit der Judenemanzipation; sie hatten keine Universität besucht, denn die Tore zu Erziehung und Bildung waren ihnen verschlossen. Sie wurden nicht toleriert, sondern nur geduldet, solange sie Geld heranschafften. Sie waren wie Geld, mehr nicht. Wenn sie kein Geld mehr heranschafften, dann drohten ihnen Folter, Pein, Kerkerhaft und Armut, wenn nicht gar die Hinrichtung. Und dennoch waren sie es, die zum ersten Mal die streng geschlossenen Tore der Ghettos öffneten - und ohne den Hofjuden Moses Benjamin Wulff aus Dessau hätte auch "Moses aus Dessau" (Mendelssohn) nicht das werden können, wozu er es in seinem Leben gebracht hat. Selma Sterns liebevolle Beschreibung der Hofjuden umfaßt die Epoche des höfischen Absolutismus, also die Zeit von etwa 1640 bis 1740.

          Die im badischen Kippenheim 1890 geborene Selma Stern (seit 1927 eigentlich Stern-Täubler) hatte zwischen 1925 und 1938 in Berlin über "Der preußische Staat und die Juden" (zwischen 1648 und 1812) gearbeitet und eine Biographie über "Jud Süß" geschrieben, die zusammen mit Lion Feuchtwangers Roman "Jud Süß" und Paul Kornfelds gleichnamiger Tragödie von den Nationalsozialisten 1933 verbrannt worden ist. Das Buch über die Hofjuden, ursprünglich auf deutsch begonnen, erschien 1950 auf englisch in Philadelphia, denn Selma Stern war 1941 ins amerikanische Exil (Cincinnati) geflohen, wo sie bis zu ihrer Übersiedelung nach Basel (1960) forschte. Im Gegensatz zu ihrem auf deutsch 1959 geschriebenen Buch über "Josel von Rosheim", das 1965 ins Englische übersetzt worden ist, mußte "Der Hofjude" ins Deutsche rückübersetzt werden.

          Das Buch liest sich spannend, denn die im Alter von 91 Jahren verstorbene Autorin konnte besser schreiben und formulieren als manche ihrer Zunftgenossen; sie hatte sich zwischendurch ja auch als Schriftstellerin mit einem englischen Roman "The Spirit Returneth" (1946) versucht. Ihr Stil kann bezeichnet werden als wissenschaftliche Literatur, angereichert nur mit den nötigsten Anmerkungen zu den benutzten Quellen.

          Die Entstehungsgeschichte dieses Werkes ist lang und kompliziert und wird von der Übersetzerin und Herausgeberin, Marina Sassenberg, ausführlich dokumentiert. Daß sich diese "Rückübersetzung" so gut liest, ist sicher auch das Verdienst von Frau Sassenberg. Ihr Nachwort und die von ihr zusammengestellte Bibliographie zum europäischen Hofjudentum im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert bereichern das Werk. Ihre Kommentierung ist, auch dafür sei ihr gedankt, behutsam und spärlich. Doch wenn Selma Stern von "Klassen", "Cliquen", "Massenbewegungen", "sozialen Schichten", "Mittelschichten" und "jüdischem Patriziat" spricht, meint die Kommentatorin, eilig behaupten zu müssen, diese Bezeichnungen stünden nicht im "Kontext marxistischen politischen Denkens". Warum eigentlich nicht?

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