https://www.faz.net/-gqz-6pyhn

Rezension: Sachbuch : Geheimnis des Getreidebratlings

  • Aktualisiert am

Die Zeichen stehen auf Genuß. Im Fernsehen brutzelt es auf allen Kanälen. Kochbücher pflastern die Buchläden. Und spätestens seit uns im französischen Kinoschlager "Amélie" verheißen wurde, daß es die kleinen Freuden sind, die das Leben lohnend machen, müssen auch Prominente dringlicher ein gutes Speiserezept kennen als eine politische Meinung haben.

          Die Zeichen stehen auf Genuß. Im Fernsehen brutzelt es auf allen Kanälen. Kochbücher pflastern die Buchläden. Und spätestens seit uns im französischen Kinoschlager "Amélie" verheißen wurde, daß es die kleinen Freuden sind, die das Leben lohnend machen, müssen auch Prominente dringlicher ein gutes Speiserezept kennen als eine politische Meinung haben. In einer Gegenwart, die von Orientierungslosigkeit gekennzeichnet ist, vermutet der Völkerkundler und Historiker Gunther Hirschfelder, "zieht der Konsument sich auf die wenigen Geschmacksinseln zurück, die ihm bleiben". Im aktuellen Trend zurück zu einer regional-traditionellen Küche spiegelt sich für ihn das Bedürfnis nach Halt. Manchmal sogar nach nationalem Halt. Wenn neuerdings halb Frankreich für elsässischen Zwiebelkuchen nach Großmütterart schwärmt, räsoniert Hirschfelder, zeugt das auch von dem Wunsch, ein angeknackstes Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Das gemeinsame Essen wird zum letzten Kitt einer auseinanderfallenden Gesellschaft.

          Das ist ein interessanter Gedanke. Leider jedoch reißt Hirschfelder ihn wie viele Aspekte in seiner "Europäischen Esskultur" nur an, ohne ihn auszuloten. Kaum ausgesprochen, ist seine "Geschichte der Ernährung von der Steinzeit bis heute" auch schon zu Ende. Ein abrupter Schluß für ein langes Buch, in dem sich zumeist ebenso abrupt die Themen abwechseln. Denn wenngleich Hirschfelder wie alle Chronisten des Kulinarischen natürlich weiß, daß der Akt der Nahrungsaufnahme immer mehr als reine Kalorienzufuhr ist, so leitet er daraus doch nur ungenügend die Verpflichtung ab, ihn als "Gegenstand der Macht" (Elias Canetti) soziologisch und psychologisch zu beleuchten. Statt dessen beschränkt er sich zu oft darauf, die Zusammensetzung von Mahlzeiten und politische Eckdaten aufzuzählen, um hinterher pauschal klingende Urteile zu fällen. Da erfahren wir dann, daß Alexander der Große nicht nur ein begnadeter Feldherr war, sondern nach heutigen Maßstäben auch Alkoholiker, weil Zecherei bis zum Umfallen in der Antike zum guten Ton konkurrierender Männer gehörte.

          Allerdings berauschte man sich im alten Griechenland bevorzugt mit Wein. Bier galt nur als "Heilmittel gegen Husten und Würmer", bevor es dann im Mittelalter zum "Alltagsgetränk" avancierte. Die Römer mischten ihren Trank später gern mit Honig, was Hirschfelder Gelegenheit gibt, in der Folge ständig auf eine "physiologisch bedingte Vorliebe für das Süße" im Menschen hinzuweisen. Da Geschmack aber vor allem kulturell geprägt ist, hat er sich im Laufe der Jahrhunderte zwangsläufig stark geändert. War für den Urmenschen das "noch warme Auge eines Bären" reizvoll, goutierten die frühen Bewohner des alten Griechenlands durchaus auch Hundefleisch. Erst als die Vierbeiner im zweiten Jahrhundert vor Christus als Schoßtiere beliebt wurden, verschwanden sie von der Speisekarte.

          Über einen sehr langen Zeitraum, bis zur Industrialisierung, aß man lieber Brei als Brot, bevor die Kartoffel als Armenspeise des entwurzelten Fabrikarbeiters Karriere machte. Und Luxusgüter wie Fleisch, Honig, Wein, später auch Kaffee, Tabak und Zitrusfrüchte waren lange so teuer und knapp, daß sie allein den oberen Klassen vorbehalten blieben. Frauen waren im Patriarchat zunächst von vielen Genüssen ausgeschlossen. Sie durften nicht trinken und nicht rauchen und mußten sich wie Kinder bei Tisch mit mickrigen Portionen begnügen. Hirschfelder hat fleißig die Quellen durchforstet, und er listet brav Zahlen und Ingredienzien auf. Nicht weniger als sechzig Seiten umfaßt sein Fußnotenregister. Seine Befunde aber fallen insgesamt zu mutlos und zu wenig überraschend aus.

          Das Mittelalter erscheint hier - trotz häufiger Hungerkatastrophen - altbewährt als sinnenfreudige Epoche, in der man sich saisonal der Verschwendung hingab, während sich der Speisenverzehr in der auf Effizienz getrimmten Moderne zunehmend "entfremdet" gestaltete. Das klingt alles nicht neu. Zudem schrumpft Hirschfelders anfänglich europäischer Blick schnell auf deutsches Gebiet zusammen. Und nicht zuletzt die permanent im Text auftauchenden rhetorischen Fragen sprechen dafür, daß er letztlich selbst vor lauter Zutaten ein wenig den Überblick verloren hat. Das ist schade. Denn immer wieder blitzen spannende Überlegungen auf. Etwa auch dann, wenn der Autor die Beliebtheit des Getreidebratlings unter Vegetariern damit erklärt, daß dieser anders als eine Scheibe Brot (die eigentlich viel gesünder wäre) einem Stück Fleisch gleicht, dem als Teil eines erjagten Tieres von jeher eine mythische Aura anhaftete.

          GISA FUNCK.

          Gunther Hirschfelder: "Europäische Esskultur". Eine Geschichte der Ernährung von der Steinzeit bis heute. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2001. 327 S., 69 Farb- u. S/W-Abb., geb., 25,50 [Euro].

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.
          Der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, Adam Schiff von der Demokratischen Partei, am Donnerstag im Kongress

          Whistleblower belastet Trump : Die Spur führt nach Kiew

          Ein Mitarbeiter des Geheimdienstes macht Donald Trump schwere Vorwürfe. Dessen Regierung versuchte, die Informationen des Whistleblowers zu unterdrücken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.