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Rezension: Sachbuch : Gegen die Einbahnstraße

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Karl-Heinz Brodbeck zeichnet eine Karte der fragwürdigen Wege postmechanischer Ökonomie

          Nur wenige Ökonomen glauben noch, daß die neoklassische ökonomische Theorie reale Wirtschaftsvorgänge in ihrer Mannigfaltigkeit beschreiben und problemlos prognostizieren kann. Alle Theorie ist schließlich zu grau, um die farbige Welt treu abbilden zu können. Andererseits gehen nur wenige so weit wie der Würzburger Volkswirtschaftler Karl-Heinz Brodbeck, der behauptet, daß die neoklassische Lehre von Grund auf falsch sei und daß die Alternativen wie Marxismus oder Keynesianismus auf denselben falschen Grundlagen beruhen. Der Kern des Irrtums liegt für Brodbeck in der Analogie von Natur und Gesellschaft, die sich in einer Gleichsetzung von Physik und Ökonomie widerspiegele.

          Brodbecks Hauptangriff richtet sich jedoch gegen die Neoklassiker, die den gegenwärtigen ökonomischen Diskurs beherrschen. Ihre Versuche, Wirtschaftsentwicklungen nach den von ihnen entdeckten Gesetzen zu prognostizieren, und das ständige Scheitern dieser Versuche zeugten von Problemen des neoklassischen Paradigmas. Brodbeck zweifelt an, daß freie und rational handelnde Subjekte, die eigenen Nutzen maximieren und so auf dem Markt ein Gleichgewicht der optimalen Ressourcenverteilung erzeugen, existieren. Also könne man das Ganze auch nicht mathematisch beschreiben.

          Das Paradigma leide an einem Widerspruch zwischen der Freiheit als Unberechenbarkeit des einzelnen und der Berechenbarkeit des Ganzen. Um dies zu erklären, greifen die Ökonomen zu verschiedenen Analogien aus der Physik. Zum Beispiel, so Brodbeck, könne die Thermodynamik, auf die sich der einflußreiche Neoklassiker Paul Samuelson berufe, die chaotischen Bewegungen der einzelnen Gasmoleküle auch nicht vorhersagen, und trotzdem sei sie in der Lage, den Zustand eines Gases mit mathematischen Gleichungen wirklichkeitstreu zu beschreiben. Man vergesse aber dabei, daß Menschen keine Moleküle seien, die sich innerhalb eines Raumes vordefinierter Möglichkeiten mit abschätzbaren Wahrscheinlichkeiten bewegen. Die menschliche Freiheit entwerfe und gestalte den Raum, in dem sie sich bewegt, und widerspreche somit allen Versuchen, menschliches Handeln auf eine Wahl zwischen bekannten Alternativen zu reduzieren.

          Freiheit könne sich mit den rein kausalen Erklärungen der Neoklassik kaum vertragen. Obwohl die Neoklassiker zugäben, daß der Mensch zweckmäßig handle und nicht ausschließlich durch Kausalität bestimmt werden könne, führe ihre Freiheitsauffasung eben in diese Richtung. Die Freiheit werde von ihnen nur als Freiheit zur Nutzenmaximierung verstanden; "Freiheit kann als bloßes Mehr bestimmt werden". Dieses jede qualitative Erwägung ablehnende Denkmodell seigut mathematisierbar und verleihe der Ökonomie den Anschein "echter" Wissenschaft. Das Streben nach "Wissenschaftlichkeit" führe dazu, daß man mathematisch unfügsame Vorgänge, die für die Wirtschaft von entscheidender Bedeutung seien, einfach ignoriere.

          Ohne Kreativität aber, so Brodbeck, können die Beweggründe für ökonomisches Handeln überhaupt nicht verstanden werden. Die mathematisch aufgefaßte Freiheit in Gestalt von Nutzenmaximierung wird mit der Freiheit als freies Schöpfen konfrontiert. Kreativität bedeute ständigen Wandel und auch, da sie von Natur aus unvorhersehbar sei, ständige Unsicherheit. Die fundamentale Dunkelheit der Zukunft mache alles Künftige qualitativ verschieden von allem Gegenwärtigen und erlaube nicht, künftige und gegenwärtige Güter mit gleichem Maß zu messen.

          Die vom Autor gestellten Fragen sind provokativ, seine philosophischen Zusammenhängen nachforschenden Analysen sind oft meisterhaft. Wer über die philosophischen Grundlagen der Ökonomie etwas mehr wissen möchte, ist bei Brodbeck also an der richtigen Adresse. Sein dekonstruktives Streben treibt den Autor jedoch manchmal in die Absurdität. Physikalische Modelle sind in der Ökonomie wohl tatsächlich irreleitend, wie F .A. Hayek gezeigt hat. Kann man sich deshalb jedoch gegen jede Modellierung wenden und die Rettung der Ökonomie bei Nietzsche oder Heidegger suchen, wie Brodbeck es tut? Unter den großen Ökonomen unseres Jahrhunderts schätzt er Hayek, Keynes und vor allem Schumpeters Kreativitätstheorie besonders hoch ein. Er bedauert gleichwohl, daß keiner von ihnen sich vom mechanischen Modell völlig zu befreien wußte. War es aber nicht eher so, daß diese Denker fragwürdige Grundlagen einem grundlagelosen Chaos vorgezogen haben, weil sie ahnten, daß alle Voraussetzungen letztendlich fragwürdig sind? PETR DRULÁK

          Karl-Heinz Brodbeck: "Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie". Eine philosophische Kritik der modernen Wirtschaftswissenschaft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998. 298 S., geb., 68,- DM.

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