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Rezension: Sachbuch : Gedankenhund gibt Pfötchen

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Zukunft ist auch keine Antwort: William Carlos Williams besingt "Paterson" / Von Heinz Ickstadt

          7 Min.

          Als Hans Magnus Enzensberger im Jahre 1961 in einem bemerkenswerten Aufsatz das deutsche Lesepublikum mit William Carlos Williams (1883 bis 1963) konfrontierte, reagierte er auf ein kritisches Erdbeben, das in den Vereinigten Staaten die Hierarchie der modernen Lyrik zum Einsturz gebracht hatte: T. S. Eliot, der Papst der angelsächsischen Moderne, dessen poetische Theorie und Praxis die literarische und akademische Szene mehr als drei Jahrzehnte lang beherrscht hatte, verlor gleichsam über Nacht an Einfluß. An seine Stelle trat der gänzlich unpäpstliche William Carlos Williams. Bei ihm suchte eine jüngere Generation von Dichtern für ihren Angriff auf eine zur Klassik versteinerte Moderne Rückhalt.

          Williams hatte sich zu Lebzeiten freilich nie aus dem Schatten Eliots lösen können, sah in dessen "Waste Land" eine Katastrophe für die Entwicklung einer genuin amerikanischen Lyrik und in Eliots Flucht nach Europa und in das Traditionsbewußtsein europäischer Kultur einen Verrat an der gemeinsamen Sache. Williams selbst hatte das Exil im eigenen Land gewählt, um "die wahrgenommenen Dinge, die jetzt im Chaos geborgter Sprache verloren sind, neu zu benennen". Dem Geist des Neuen, der "Amerika" - dem Kontinent wie der Gesellschaftsform - eingeboren war, wollte er eine spezifisch amerikanische Dichtungssprache abgewinnen. Mit seiner Betonung der gewöhnlichen Dinge, der schöpferischen Kraft der Alltagssprache und des Rechts, das Vor-den-Augen-Liegende neu zu sehen, stellte sich Williams in eine Tradition, die mit den Namen Ralph Waldo Emersons und vor allem Walt Whitmans verbunden ist. Doch obgleich Williams das Sendungsbewußtsein Whitmans teilte und von der reinigenden und heilenden Kraft des Wortes besessen war, verstand er das Dichten als durchaus alltägliche, wenn auch lebensnotwendige Verrichtung, die sein berufliches Leben (er war Kinder- und praktischer Arzt) Tag für Tag begleitete.

          Williams glaubte an die "irreduzible Konkretheit und Genügsamkeit" des Demokratisch-Gewöhnlichen, an eine bildgenaue Sprache, die Ideen nur in Dingen auszusprechen erlaubte ("no ideas but in things"). Seine überaus präzisen Gedichte, die sich als bewußte Gegenentwürfe zur Vollkommenheitsästhetik der klassischen Moderne den Anschein des Einfachen, des Vor- und Beiläufigen gaben, fanden ein lang nachhallendes Echo in der amerikanischen Lyrik seit den sechziger Jahren: Charles Olson, Robert Creeley, Frank O'Hara, Allan Ginsberg - sie alle beriefen sich auf William Carlos Williams. Inzwischen hat sich sein Ruf als Dichter knapper Ding- und Alltagslyrik allerdings so verfestigt, daß über roten Schubkarren, blühenden Robinien, faulenden Äpfeln und köstlichen Pflaumen im Kühlschrank der weiter reichende Anspruch seines Werks fast vergessen ist. Er findet Ausdruck in dem epischen Langgedicht "Paterson", das Williams von den späten zwanziger Jahren bis an sein Lebensende begleitet hat. Zwischen 1946 und 1958 wurde es in fünf Teilen veröffentlicht, Fragmente eines sechsten Teils fanden sich im Nachlaß.

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