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Rezension: Sachbuch : Garstig mit Theresa

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William James' vor hundert Jahren erschienenes Buch über "Die Vielfalt der religiösen Erfahrung" - hervorgegangen aus den in Edinburgh zuvor gehaltenen Gifford-Lectures - ist das schlechthin klassische Werk der Religionspsychologie. Es hat bald nach seinem Erscheinen gerade auch in Deutschland größte Anerkennung, ...

          William James' vor hundert Jahren erschienenes Buch über "Die Vielfalt der religiösen Erfahrung" - hervorgegangen aus den in Edinburgh zuvor gehaltenen Gifford-Lectures - ist das schlechthin klassische Werk der Religionspsychologie. Es hat bald nach seinem Erscheinen gerade auch in Deutschland größte Anerkennung, ja Bewunderung gefunden; die Rede vom "religiösen Genie" etwa, von dessen pathologischer Disposition und gesteigerter psychischer Sensitivität ist hier auf fruchtbaren Boden gefallen. Die Psychologie der Religion, wie sie James verstand, hielt sich an die "originale Erfahrung" des Religiösen, die entschieden und distinkt eine Erfahrung im subjektiven Innen ist, eine, die sich im Gefühl und als Gefühl artikuliert und die ausschließlich dem gehört, der die Erfahrung als die seine gemacht hat.

          Hier - im Enthusiasmus, im ganz unwillentlichen Überwältigtsein eines gottberührt-feierlichen Glücksempfindens - fällt das Religiöse unmittelbar und selbstsicher an und ist als ein exklusiv psychisches Phänomen "inkommunikabel". Was die institutionelle, dogmatisch, kultisch und moralisch präskriptive Religion, was also die Kirchen zu bieten haben, ist Überlieferung, ist Weitergabe "aus zweiter Hand" und besagt Veralltäglichung und längerfristig den typischen Erstickungstod für die Lebendigkeit der ursprünglichen Inspiration. In diesem Sinne entscheidet sich James für die Verabschiedung der "institutionellen Religion" mit "ihren Priestern und Sakramenten" zugunsten der "persönlichen Religion". Tatsächlich hat seine Psychologie für die soziale und das heißt zunächst: die kommunikative Seite des Religiösen eher wenig Sinn. Nichts an der authentischen religiösen Erfahrung soll eben Zweiten oder Dritten zugerechnet werden können. Unbestreitbar geht es hier um religiösen "Individualismus", und heute ist man sogleich genötigt zu fragen: Ist dieser Individualismus etwas spezifisch "Modernes"?

          Auch zu dem soeben erschienen Buch, das Charles Taylor über James' Religionspsychologie geschrieben hat, haben die Gifford-Lectures - Taylor hielt sie 1999 in Edinburgh - den Anstoß gegeben, darüber hinaus eine Vorlesungsreihe, die er im Jahr darauf in Wien anbot (F.A.Z. vom 7. Juni 2000). War dabei zunächst an Vorlesungen zur Lage der Religion "in unserem säkularen Zeitalter" gedacht, so sah sich Taylor durch die neuerliche Lektüre von James, durch dessen hohe Aktualität immer stärker genötigt, seine Sache als Auseinandersetzung mit James zu betreiben.

          Dabei stellt der antiinstitutionelle Zug an James' Religionsverständnis den Ausgangspunkt dar. Und was Taylor, ausgestattet auch mit solider Kenntnis des römisch-katholischen Christentums (zumal des französischen), nun zu bieten hat, ist die Beobachtung und Ausleuchtung von, wie er sagt, "gewissen blinden Flecken" an der Jamesschen Sicht der Dinge. Woran Taylor zunächst liegt, ist zu zeigen, daß jene "religiöse Innerlichkeit", so sehr sich postinstitutionelle Modernität für sie in Anspruch nehmen läßt, eine lange christliche Vorgeschichte hat. Er verweist auf die spätmittelalterliche devotio moderna und auch auf das Laterankonzil von 1215 mit seinen Kirchengeboten, die den Christenmenschen verpflichteten, zumindest einmal im Jahr zu beichten und die Kommunion zu empfangen; man sollte hinzusetzen: die Gültigkeit der Beichte fordert dem Gläubigen "gefühlte", also im eigenen Inneren beobachtete Reue ("contritio") ab. Hier ist es also gerade die institutionelle Kirche, die das religiöse Leben in die Richtung der verinnerlichten und persönlichen Religiosität drängt. Darüber hinaus bindet Taylor James zurück an eine pietistische Traditionslinie, als deren Exponenten er den (ersten) Quäker George Fox und John Wesley sieht; auch die Romantik bringt er, auf das "religiöse Genie" hin, ins Spiel.

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