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Rezension: Sachbuch : Ganz allein im Weltraum

  • Aktualisiert am

Wilhelm Reich: In hundert Jahren werden sie mich vergöttern

          5 Min.

          Den Titel wird man in der approbierten Sekundärliteratur zu Wilhelm Reich bis dato vergeblich suchen. Zum einen war er 1973 in den Niederlanden erschienen und wurde erst jetzt aus Anlaß von Reichs hundertstem Geburtstag ins Deutsche übersetzt. Andererseits hat Harry Mulisch für "Das sexuelle Bollwerk" eine seltsame Zwitterform gewählt: In der zünftigen Rahmennovelle steckt ein ebensolches Sachbuch. Daß der gelernte Romancier erfrischend unbefangen - für eingeschworene Reich-Jünger vielleicht frevlerisch - ans Werk ging, mag der Popularität in wissenschaftlichen Kreisen auch nicht förderlich (gewesen) sein.

          Und naturgemäß gibt es ein paar Sacheinwände dagegen. Manches ist inzwischen veraltet, anderes war schon einst schlicht falsch. Zum Beispiel hat Reich den Ersten Weltkrieg nicht als "Oberleutnant" mitgemacht, sondern als Leutnant; bei den Kämpfen rund um den Wiener Justizpalastbrand 1927 kamen 90 Menschen ums Leben, nicht "Hunderte". Auch der von Mulisch bevorzugte legere Ton dürfte nicht nach jedermanns Geschmack sein, Leser vom Fach könnten an manchen Formulierungen Anstoß nehmen. Ziemlich, sogar unziemlich salopp heißt es da etwa: "Jung hielt Freud für beschränkt, Freud Jung für bekloppt" oder verallgemeinernd, "daß alle Psychiater total bekloppt sind".

          Die Mutter verloren

          Das Hauptmanko liegt aber woanders. Harry Mulisch präsentiert Wilhelm Reichs Lebensroman, der mitten im Wahn endete, in der Art eines psychoanalytischen Stationendramas. Die Tragödie begann, als der Pubertierende den Sexualverkehr der Mutter mit einem Hauslehrer belauschte und alles dem Vater verriet, weshalb die Mutter Selbstmord beging. Dieser erste, traumatische Akt ist mehrfach verbürgt, doch für einen (von Mulisch als unbestritten beschriebenen) Suizid des Vaters liegen keine schlüssigen Beweise vor. Mulisch kann sich dabei einzig und allein auf einen Hinweis im Reich-Porträt von dessen zweiter geschiedener Frau, Ilse Ollendorff-Reich, berufen. Die gründlichste Biographie, jene von Myron Sharaf, 1994 auf deutsch publiziert, hält daran wohl rechtens nicht mehr fest.

          Warum das von Bedeutung ist? Weil Mulisch seine seelenkundliche Rekonstruktion ausschließlich auf dem Fundament dieser beiden "Fakten" errichtet hat. Und in der Tat: Selten begegnet man einer, auch dank ihrer Sprachkompetenz, so verführerisch triftig wirkenden Krankengeschichte. Sie ähnelt mathematischen Gleichungen, die keinen Rest an Unerklärbarem, an Geheimnis zurücklassen. Aber bei der Lösung wurde leider ein bißchen geschwindelt, aus einer unbekannten eine bekannte Größe gemacht.

          Trotzdem sei die eigenwillige Darstellung nachdrücklich empfohlen. Sie stammt, ganz gegen den Brauch einschlägiger Publikationen, weder von einer Witwe noch von einem eingeschworenen Anhänger Reichs und vermittelt bei aller Verkürzung genaue Einblicke in seine Theorien und Entwicklung; mit geradezu brutaler Schärfe wird das Schaffen des gesunden von dem des kranken Forschers geschieden. Und nicht zuletzt ist "Das sexuelle Bollwerk" ein Produkt der Aufklärung, das den Tendenzen zum Obskurantismus energisch widerspricht. Immerhin vertreibt ein deutscher Verlag seit kurzem das zum Großteil abstruse Spätwerk Wilhelm Reichs mit gleichsam missionarischem Eifer: Beinah ein halber Laufmeter bedruckten Papiers enthält die bizarren Spekulationen des Meisters samt Bauanleitungen zum Orgon-Akkumulator und Verschwörungstheorien seiner Jünger bis hin zum Mordverdacht.

          Was Mulisch leistete, wird in einem Nebensatz leisen Protestes deutlich: "Wissenschaft", klagt er, entstehe grundsätzlich "auf Kosten der Literatur", mittlerweile sei deren Territorium durch fortwährende Annexionen "zu einer Art Liechtenstein zusammengschrumpft". Harry Mulisch ist erfolgreich zur Rückeroberung angetreten.

          Einen völlig anderen Anspruch erhebt der von Karl Fallend und Bernd Nitzschke edierte Sammelband "Der ,Fall' Wilhelm Reich". In diesem höchst nützlichen Kompendium hat die fußnotengestützte Gelehrsamkeit das Wort, wobei der Aufsatz von Nitzschke über den Ausschluß Reichs aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 1934 des Guten gewiß zuviel tut: Auf einer Seite stehen fünf Zeilen Text achtunddreißig Zeilen Anmerkungen gegenüber. Nitzschkes moralisierender Tonfall scheint zudem wenig geeignet, den vertrackten Zeitumständen gerecht zu werden. Da sind die Schuldigen (insbesondere der spätere Freud-Biograph Ernest Jones), und da ist der Märtyrer Reich, quasi das Opferlamm der offiziellen Psychoanalyse. Nachgetragene Polemik in Schwarz-Weiß-Manier hilft differenziertem historischem Verständnis kaum auf die Sprünge.

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