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Rezension: Sachbuch : Ganz allein im Weltraum

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Ausgiebig werden vom Mitherausgeber Fallend die noch nicht allgemein zugänglichen "Rundbriefe" des langjährigen Reich-Gefährten Otto Fenichel zitiert - ob Fallends Interpretation zutrifft oder nicht, kann erst die geplante Veröffentlichung dieser wichtigen Dokumente klären. Ungeachtet vieler interessanter Informationen in beiden Beiträgen beeindruckt am meisten die vergleichende Fallstudie von Johannes Cremerius über Freuds unbewußtes Beziehungsmuster im Umgang mit seinen Lieblingsschülern Jung, Rank, Ferenczi und Reich. Cremerius zeigt - frei von Ranküne - verblüffende Parallelen: Sämtliche Schüler-Söhne verstrickten sich in einer "Beziehungsfalle". Für Wilhelm Reich, der Sigmund Freud bis zum Schluß trotz schwerwiegender Differenzen bewunderte, erwies sich der Bruch - der halb Verstoßung, halb selbst inszenierter Abschied war - als besonders verhängnisvoll. Denn danach geriet sein biologistisches Denken zunehmend außer Kontrolle und führte zur fixen Idee einer "pseudonaturwissenschaflichen Universaltheorie".

Erfreulicherweise artet der als Hommage gedachte Band nicht in Verklärung aus. Sebastian Hartmanns und Siegfried Zepfs ideologiekritische Würdigung von Reichs Werk vor dem Hintergrund der faschistischen Epoche nimmt kein Blatt vor den Mund. "So verrückt auch die Reichsche Naturreligion anmutet, so war sie doch nichts anderes als der gedankliche Reflex eines Sensitiven, eines blinden Sehers, auf den objektiven ,Wahnsinn'", resümieren die Autoren ihre Untersuchung, und: "Reich war kein Chronist seiner Zeit. Er war deren tragische Inkarnation."

Das Leben entdeckt

Von solchen Einschätzungen will die Nachlaßverwaltung Wilhelm Reichs naturgemäß nichts wissen. Unermüdlich fordert sie die Rehabilitierung des späten Reich, den sie als schmählich diffamierten Pionier betrachtet. Tagebücher und Briefe Reichs aus den Jahren 1934 bis 1939 sollen die "provokante Originalität" von Reichs postpsychoanalytischen Arbeiten beweisen. Das freilich gelingt nur sehr bedingt. Die wiederholten Ausrufe "Ich habe das Leben entdeckt!" oder die Prophezeiung "In 50 bis 100 Jahren werden sie mich vergöttern" sind eher geeignet, die Zweifel an seinem Geisteszustand zu fördern. Auch die von Reich 1939 postulierte Wahlverwandtschaft mit Galileo Galilei überzeugt nicht sonderlich: "Ich danke meinem Geschick, daß es mich in die Reihe der großen Kämpfer einreiht, daß es mir vergönnt ist, das wahrhaft heilige Feuer der Erkenntnis eine Zeitlang zu nähren!!"

In biographischer Hinsicht bringt die Auswahl indes einige berührende Passagen, die Sympathie für den Mann Wilhelm Reich wecken - in der inneren Einsamkeit des Außenseiters und Emigranten, in seiner erotischen Entzündbarkeit. Von humaner Psychologie und ihren Zielen aber hatte sich der Naturforscher Reich bereits damals entfernt, er verlor sich im kalten Bezirk des Grandiosen: "Ich bin", schrieb er am 3. April 1938, "wieder mal ganz allein im Weltraum - die Menschen sind armselige Plasmahaufen - Ob das eine oder andere kaputtgeht dabei, ist gleichgültig." Über die amerikanische Ausgabe 1994 meinte die "New York Times", die Lektüre verwirre: Handelt es sich hier um einen "interesting lunatic" oder ein noch unerkanntes Genie? Wir entscheiden uns ohne Umschweife für die erste Möglichkeit. ULRICH WEINZIERL

Harry Mulisch: "Das sexuelle Bollwerk". Sinn und Wahnsinn von Wilhelm Reich. Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens. Carl Hanser Verlag, München, Wien 1997. 200 S., geb., 36,- DM.

Karl Fallend, Bernd Nitzschke (Hrsg.): "Der ,Fall' Wilhelm Reich". Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997. 374 S., br., 27,80 DM.

Wilhelm Reich: "Jenseits der Psychologie". Briefe und Tagebücher 1934 - 1939. Herausgegeben und mit einer Einführung von Mary Boyd Higgins. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997. 389 S., Abb., geb., 56,- DM.

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