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Rezension: Sachbuch : Fröhliche Stimmen werktätiger Menschen

  • Aktualisiert am

Niemand hat ihnen gesagt, wie man Kapitalist wird: Wolfgang Engler hört den Ostdeutschen zu / Von Mark Siemons

          7 Min.

          Die westdeutsche Idealbiographie hat ihre Erschütterungen hinter sich. Seitdem es ihr gelang, sich den Bruch von 1968 als Abkehr vom Autoritarismus der Väter zurechtzulegen, verfügt sie über ein stabiles Selbstbewußtsein. Der Bruch von 1989 konnte sie nicht aus der Fassung bringen. Die DDR-Gesellschaft erinnerte sie allenfalls an die muffigen Zeiten, die sie überwunden hatte, und so brauchte sie ihren Ehrgeiz nur noch darein zu setzen, auch den östlichen Mitbürgern zu jener weltoffenen, kritischen und undogmatischen Existenz zu verhelfen, die sie für sich selbst bereits in Anspruch nimmt.

          Über die ostdeutsche Idealbiographie ist indessen noch lange nicht entschieden. Mochte ihr der Bruch von 1989 auch noch so oft als Rückkehr zur Normalität erklärt werden, in Wahrheit hatte er eine lange Kette von Verunsicherungen zur Folge, die bis heute nicht abgerissen ist. Die alten marxistisch-leninistischen Begriffe taugten offensichtlich nicht mehr, das eigene Leben in und nach der DDR zu beschreiben. Doch auch die vom Westen gebrauchte Abgrenzungsterminologie, vom "Totalitarismus" über den "Unrechtsstaat" bis hin zur "Planwirtschaft", reichte dazu nicht aus. Zur verärgerten Verblüffung der Westdeutschen wird auch zehn Jahre nach der Wende die Autorität, die diese Sprache beansprucht, als ideologischer Ausdruck der westlichen Deutungshoheit empfunden und nicht etwa als die sich Bahn brechende Macht der puren Wahrheit. Die unbeholfenen Versuche östlicher Selbstbehauptung, denen zufolge "nicht alles schlecht" gewesen sei, hören sich in westlichen Ohren dagegen verdächtig nach den Autobahnen an, die Hitler bauen ließ.

          In dieser Konstellation wechselseitigen Mißverständnisses greift der Ostberliner Soziologe Wolfgang Engler zu den Waffen der Ethnologie. Er tut so, als wäre die DDR ein fernes Land in einer lang zurückliegenden Epoche, dem man sich nur mit der größten Naivität nähern kann. Er streitet nicht ab, daß es sich um einen totalitären Unrechtsstaat mit zentralistischer Planwirtschaft handelte. Aber er versetzt sich in eine Sphäre, in der diese Begriffe keine Rolle spielen und in der man sich statt dessen den behendesten Spekulationen hingeben kann. Die zentrale Frage ist, wie sich die Eigenständigkeit des Menschentyps, den der Titel des Buchs mit tückischer Harmlosigkeit "Die Ostdeutschen" nennt, erklären läßt, dieses merkwürdigen Wesens, das zur Verwunderung des westlichen Wesens nicht nur die DDR überlebt hat, sondern auch die Integrationsmaßnahmen der Bundesrepublik. Dieses Wesen geht offenbar nicht in dem auf, was seine Beherrscher mit ihm vorhatten. Engler benutzt daher als Quelle weniger die Protokolle des Politbüros als jene Hinterlassenschaften, die unfreiwillig etwas über die soziale Realität enthüllen, das also, was der Historiker "Überrest" nennt: Spielfilme, Romane, autobiographische Zeugnisse, demoskopische Untersuchungen, Benimmbücher.

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