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Rezension: Sachbuch : Friedrich III.

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Nietzsche im Spiegel

          Indem Friedrich Nietzsche das Interpretieren als Überwältigen, In-Beschlag-Nehmen, Herrwerden, Zurechtmachen und Auslegen eines Gegenstands interpretierte, hat er dem Denken eine Dimension der Handgreiflichkeit eingeräumt, die er im welthistorischen Maßstab vermessen sehen wollte. Dabei hat er selbst vor allem der Geschichte Gewalt angetan. Er betrachtete sie als Arsenal schlagkräftiger Argumente und schmiedete in der Waffenkammer der Historie Anekdoten, die nicht länger zum Ruhme (des katholischen) Roms sein sollten. "Kampf gegen Rom, Frieden, Freundschaft mit dem Islam!" war die Parole, die Nietzsche beispielhaft im Hohenstaufen-Kaiser Friedrich II. verkörpert sah, in dem er "einen Atheisten und Kirchenfeind comme il faut" erkannte, einen "Nächstverwandten".

          Ein unbeteiligter Blick in die Geschichte lehrt das Gegenteil. Friedrich der Zweite vernichtete den Islam in Sizilien fast vollständig. Aus den tapfersten Widerstandskämpfern bildete der Kaiser nach ihrer Niederlage ein stehendes Heer, das er nach Lucera umsiedelte; an seinem Hof hielt er sich eine Garde sarazenischer Leibwächter. Sie brachten ihn in den Verruf, ein Muslimenfreund zu sein. Die päpstliche Propaganda machte einiges Aufhebens davon, obwohl die Kirche im übermächtigen Kaiser einen treuen Verbündeten im Kampf gegen die Ketzer fand.

          Erich Mende führt in seinen gesammelten Nietzsche-Studien diese "Fakten" gegen Nietzsches "Idealisierung" von Friedrich II. ins Feld: "Es ist geradezu paradox, vielleicht sogar tragikomisch, wenn sich der Freund des Kaisers zu dessen Charakteristik der Argumente bediente, deren Quelle ausgerechnet die verhaßte Kirche war, die diese in Umlauf setzte, um Friedrich zu schaden." Doch Mende verkennt den listigen Trojaner Nietzsche, weil er selbst nicht strategisch denkt und Nietzsches Reflexionen um ihre erkenntnispolitische Dimension verkürzt. Statt dessen verrechnet der in Nietzsches Briefwechsel Bewanderte die Biographie mit dem Werk. Nietzsches "krankhafte" Persönlichkeit, heißt es in Mendes "Nietzsche und sein Gegensatz", halte dem Anspruch seines Werks nicht stand. Unweigerlich komme es zum "moralischen Absturz", der Nietzsche schließlich auch vor dem "Plagiat" nicht zurückschrecken lasse. Und wenn Nietzsche nun doch sein Gegensatz wäre? MARTIN STINGELIN

          Erich Mende: "Nietzsche und sein Gegensatz". Traude Junghans Verlag, Cuxhaven 1997. 178 S., br., 44,- DM.

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