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Rezension: Sachbuch : Freundin geregelter Mahlzeiten

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Gemütvoll: Queen Victoria in ihren Briefen und Tagebüchern

          4 Min.

          Heute vor hundert Jahren, in den frühen Morgenstunden, meldete das englische Hofbulletin, Queen Victoria sei in Frieden entschlafen. Sie starb als Symbolfigur des 19. Jahrhunderts, jenes großen bürgerlichen Zeitalters, das weiterhin unter ihrem Namen bekannt ist. Ihr Tod kam weder unerwartet noch ungelegen und stürzte doch die Hinterbliebenen in einige Verlegenheit. Seit 64 Jahren war kein Souverän in England mehr gestorben, und der zuständigen Hofbeamtenschaft war, wie sich zeigte, das Zeremoniell von Totenwache und Begräbnis völlig unklar. Da traf es sich, daß die Verstorbene selbst minutiöse Anweisungen für den Trauerfall hinterlassen hatte, darunter allerdings auch die Verfügung, kein Bestattungsunternehmen einzuschalten. So war man genötigt, selbst Hand anzulegen - Kaiser Wilhelm, heißt es, soll die edle Tote für den Sarg vermessen haben, und als beim ehrenvollen Staatstrauerzug in Windsor die Seile der Lafetten rissen, mußten Marinesoldaten abkommandiert werden, um die schweren Geschütze zum Schloß hinauszuziehen - mit Hilfe eines Notbremskabels aus der königlichen Eisenbahn, das eilends herbeigeschafft wurde. Noch der letzte Auftritt Victorias, deren Lebenswerk im Einnehmen und Ausspielen repräsentativer Rollen lag, verdeutlicht, wie prekär oft die Balance zwischen Reglement und Improvisation ist.

          Während in ihrer langen Lebenszeit der Monarchie zusehends Schaufunktionen zugewiesen wurden, verstand diese Monarchin es gleichwohl, Gestaltungsspielräume zu schaffen und für sich zu nutzen. Dazu diente ihr speziell das Trauern, denn in dieser öffentlichen Herzensdisziplin hatte sie es längst zu erheblicher Meisterschaft gebracht. Seit der über alles geliebte Prinzgemahl, der deutsche Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, fast vierzig Jahre vor ihr starb, kultivierte Victoria die Pose der professionellen Witwe: mit Rüschenhaube und Flor, zeitlebens in der Mode der Jahrhundertmitte, bot sie der Welt fortan Entsagung und zugleich - mit der Vereinnahmung alles anderen in ihr Leid - leidenschaftlichen Gefühlsexzeß. Auch wenn sie mit der imperialen Glanzzeit unter Disraeli, ihrem verehrten Premierminister, sich in den 1870er Jahren dem Leben wieder öffnet und mit John Brown, ihrem Leibdiener im Wortsinn, sogar neue Lebenslust entdeckt, gibt sie doch stets die emphatisch Trauernde, erhabene Mutterfigur eines großen Reichs wie einer großen Familie, denen bis zuletzt ganz ihre strenge Sorge gilt.

          Dieses Bild geht um die Welt, ein Abziehbild förmlich der Herrscherin, das noch den fernsten Völkern ihres Empire vertraut ist. Als der Zulu-Häuptling Cetewayo 1882 zu Besuch kommt, notiert Victoria in ihrem Tagebuch: Er "gestikulierte nicht wenig beim Sprechen und erwähnte, daß er mein Bild gesehen habe und glücklich sei, mich in persona zu sehen". Ein Inder, vier Jahre später, hält "eine Rede auf hinduistisch" und überreicht sie "zusammen mit zwei wirklich wundervoll gemalten Miniaturen von mir". Eine Delegation aus Betschuanaland bringt Leoparden- und Schakalfelle, "und ich gab ihnen Ausgaben des Neuen Testaments und hübsch gerahmte Photographien von mir". Gastgeschenke und Gegengaben illustrieren, wie sich Victorias Anblick und Abbild, Selbstbildnis und Fremddarstellung vervielfältigen und wechselseitig bedingen. Was aber liegt außerhalb dieses Rahmens? Läßt sich eine Person hinter der öffentlichen Persona ausmachen?

          Antworten auf diese Fragen gibt jetzt ein neues biographisches Lesebuch. Aus Victorias lebenslang geführtem Tagebuch und der äußerst umfänglichen Korrespondenz (die Herausgeber errechnen, daß ihr schriftliches Gesamtwerk siebenhundert dicke Bände füllen würde) bietet es eine beispielhafte Auswahl, die in diesen Selbstzeugnissen eine ebenso lebenskluge wie leidenschaftliche Frau erkennbar werden läßt, die durch die allfällige Stilisierung zur prüden Matrone in Vergessenheit geraten ist. Die Lektüre lohnt durchweg, auch für den, der nicht an Schlüssellochblicken in königliche Schlafzimmer interessiert ist (ohnehin hat die Autorin sämtliche Freizügigkeiten aus dem Schrifttum entfernt). Denn hier wird das Zeitalter, das ihren Namen trägt, rundum besichtigt und in seinen Widersprüchen kenntlich, wobei die Königin als teilnehmende Beobachterin fungiert.

          Kein Thema ist zu groß, kein Anlaß zu gering, um Victoria nicht zu Reflexion oder auch Intervention zu bewegen. Wir lesen, wie sie frisch vermählt dem liebsten Albert morgens beim Rasieren zuschaut; wie sie vierzig Jahre nach Waterloo Arm in Arm mit dem französischen Kaiser das Grab des alten Erzfeindes Napoleon besucht; wie sie sich darum sorgt, mehr schwarzäugige Prinzen und Prinzessinnen zur Verheiratung der großen Schar an Nachkommen aufzutun; wie sie sich vehement gegen Maulkorbzwang für Hunde einsetzt oder wie sie Tochter Vicky, nach deren Heirat mit Preußenprinz Friedrich Wilhelm, die Eingewöhnung in die deutsche Leitkultur erleichtert: den Faust solle sie sich ruhig ansehen ("Es ist so ein schönes Stück, daß man sich darüber nicht ärgert"), die Eßgewohnheiten dagegen sind bedenklich ("Ich halte es nicht für vernünftig, die ganze Zeit zwischen Viertel nach 9 und 5 Uhr nichts zu essen") und erst recht die sanitären Einrichtungen ("Du würdest ganz Deutschland einen guten Dienst erweisen, wenn allgemein Toiletten eingeführt würden"). Die sparsame Kommentierung ihrer Textauszüge ergänzen die Herausgeber und Übersetzer mit einem informativen Anhang und aufschlußreichen Nachwort. Die Disziplinierung des Herzens, so erfährt man hier, sei eigentlich das Werk des Prinzgemahls gewesen, der nicht nur die karnevalesken englischen Festgelage zum Jahreswechsel durch besinnliche deutsche Familienweihnachten ersetzte, sondern überhaupt allen Überschwang durch einen strikten Pflichten- und Moralkodex bezwang. Diesem konnte auch die Königin sich um so lustvoller unterwerfen, je stärker damit das Gedenken an den vergötterten Gatten lebendig blieb.

          Zuweilen nur deuten die späteren Briefe einen vorsichtigen Aufbruch an. Dem Dichter Tennyson schreibt sie sehr freimütig von ihrer Trauer um den teuren Freund und Diener Brown, ganz ohne Rücksicht auf höfische Sprachregelung: "Ich habe es vorgezogen, in der ersten Person zu schreiben, da die andere Form so steif ist, und es ist schwierig, Gefühle in der dritten Person auszudrücken." Auch wenn man vermuten muß, daß dies nur ein weiterer Zug im Spiel ihrer Selbstdarstellung ist, gehören solche Personenwechsel zu den spannendsten Momenten des Lesebuchs.

          Gegen derlei Eröffnungen greift Victorias Nachfolger Edward VII. sehr gezielt ins öffentliche Andenken an seine Mutter ein und läßt auch eine Ausgabe ihrer Schriften entsprechend einrichten. Das gefühlvolle Marmorbildnis aber, das ihr Grabmal ziert, hatte Victoria vorsorglich selbst anfertigen lassen, gleich nach Alberts Tod. Dies lag jedoch so lange schon zurück, daß man es nach ihrer Beisetzung im ehelichen Mausoleum nicht mehr wiederfand. Erst als ein alter Arbeiter sich entsann, wo es aus Sicherheitsgründen eingemauert worden war, gelangte auch Victorias letztes Bild an den von ihr so heiß ersehnten Platz an Alberts Seite.

          TOBIAS DÖRING

          "Queen Victoria". Ein biographisches Lesebuch. Herausgegeben von Kurt Tetzeli von Rosador und Arndt Mersmann. Deutscher Taschenbuchverlag, München 2000. 319 S., Abb., br., 19,50 DM.

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