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Rezension: Sachbuch : Freundin geregelter Mahlzeiten

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Gemütvoll: Queen Victoria in ihren Briefen und Tagebüchern

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          Heute vor hundert Jahren, in den frühen Morgenstunden, meldete das englische Hofbulletin, Queen Victoria sei in Frieden entschlafen. Sie starb als Symbolfigur des 19. Jahrhunderts, jenes großen bürgerlichen Zeitalters, das weiterhin unter ihrem Namen bekannt ist. Ihr Tod kam weder unerwartet noch ungelegen und stürzte doch die Hinterbliebenen in einige Verlegenheit. Seit 64 Jahren war kein Souverän in England mehr gestorben, und der zuständigen Hofbeamtenschaft war, wie sich zeigte, das Zeremoniell von Totenwache und Begräbnis völlig unklar. Da traf es sich, daß die Verstorbene selbst minutiöse Anweisungen für den Trauerfall hinterlassen hatte, darunter allerdings auch die Verfügung, kein Bestattungsunternehmen einzuschalten. So war man genötigt, selbst Hand anzulegen - Kaiser Wilhelm, heißt es, soll die edle Tote für den Sarg vermessen haben, und als beim ehrenvollen Staatstrauerzug in Windsor die Seile der Lafetten rissen, mußten Marinesoldaten abkommandiert werden, um die schweren Geschütze zum Schloß hinauszuziehen - mit Hilfe eines Notbremskabels aus der königlichen Eisenbahn, das eilends herbeigeschafft wurde. Noch der letzte Auftritt Victorias, deren Lebenswerk im Einnehmen und Ausspielen repräsentativer Rollen lag, verdeutlicht, wie prekär oft die Balance zwischen Reglement und Improvisation ist.

          Während in ihrer langen Lebenszeit der Monarchie zusehends Schaufunktionen zugewiesen wurden, verstand diese Monarchin es gleichwohl, Gestaltungsspielräume zu schaffen und für sich zu nutzen. Dazu diente ihr speziell das Trauern, denn in dieser öffentlichen Herzensdisziplin hatte sie es längst zu erheblicher Meisterschaft gebracht. Seit der über alles geliebte Prinzgemahl, der deutsche Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, fast vierzig Jahre vor ihr starb, kultivierte Victoria die Pose der professionellen Witwe: mit Rüschenhaube und Flor, zeitlebens in der Mode der Jahrhundertmitte, bot sie der Welt fortan Entsagung und zugleich - mit der Vereinnahmung alles anderen in ihr Leid - leidenschaftlichen Gefühlsexzeß. Auch wenn sie mit der imperialen Glanzzeit unter Disraeli, ihrem verehrten Premierminister, sich in den 1870er Jahren dem Leben wieder öffnet und mit John Brown, ihrem Leibdiener im Wortsinn, sogar neue Lebenslust entdeckt, gibt sie doch stets die emphatisch Trauernde, erhabene Mutterfigur eines großen Reichs wie einer großen Familie, denen bis zuletzt ganz ihre strenge Sorge gilt.

          Dieses Bild geht um die Welt, ein Abziehbild förmlich der Herrscherin, das noch den fernsten Völkern ihres Empire vertraut ist. Als der Zulu-Häuptling Cetewayo 1882 zu Besuch kommt, notiert Victoria in ihrem Tagebuch: Er "gestikulierte nicht wenig beim Sprechen und erwähnte, daß er mein Bild gesehen habe und glücklich sei, mich in persona zu sehen". Ein Inder, vier Jahre später, hält "eine Rede auf hinduistisch" und überreicht sie "zusammen mit zwei wirklich wundervoll gemalten Miniaturen von mir". Eine Delegation aus Betschuanaland bringt Leoparden- und Schakalfelle, "und ich gab ihnen Ausgaben des Neuen Testaments und hübsch gerahmte Photographien von mir". Gastgeschenke und Gegengaben illustrieren, wie sich Victorias Anblick und Abbild, Selbstbildnis und Fremddarstellung vervielfältigen und wechselseitig bedingen. Was aber liegt außerhalb dieses Rahmens? Läßt sich eine Person hinter der öffentlichen Persona ausmachen?

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