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Rezension: Sachbuch : Freispruch für Gabrielle?

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          4 Min.

          Als im Herbst 1889 in der Nähe des Dorfes Millery die Leiche eines unbekannten Mannes gefunden wird, liegt für die Pariser Kriminalisten der Verdacht nahe, es könne sich um den Vermißten Alphonse Gouffé handeln. Die Obduktion des Toten würde die Annahme bald bestätigen. Doch was im historischen Fall Gouffé zu einem legendären Triumph der wissenschaftlichen Kriminalpathologie gerät, schildert Joachim Maaß 1951 im literarischen "Fall Gouffé" als Ergebnis der Intuition eines hartnäckigen Kriminalkommissars. Nicht nur in diesem Detail weicht der Kriminalroman vorsätzlich von seiner historischen Vorlage, einem aufsehenerregenden Kriminalfall des späten neunzehnten Jahrhunderts, ab und geht eigenen Motiven nach. Anja Sya hat jetzt eine Studie veröffentlicht, die untersucht, ob und welches "Surplus" die Literatur bei ihren Aussagen über Recht und Gerechtigkeit gegenüber der Perspektive der Jurisprudenz bietet.

          Der heute fast vergessene Joachim Maaß (1901-1972) wählte für seinen realistischen Kriminalroman eine reiche historische Vorlage. Der Fall des 1889 ermordeten Gerichtsvollziehers Alphonse Gouffé beschäftigte wie nur wenige Verbrechen die damalige Öffentlichkeit. Auch ausländische Zeitungen berichteten ausführlich über die Tat. Die moderne Kriminaltechnik lieferte einen eindrücklichen Beweis ihrer gewachsenen Leistungsfähigkeit. Nach einer elftägigen Untersuchung identifizierte der Lyoner Professor Alexandre Lacassagne die stark verweste Leiche als den vermißten Gouffé. Unzählige Schaulustige betrachteten den Koffer unbekannter Herkunft, Transportbehältnis der Leiche, den man zur Tataufklärung ausgestellt hatte. Die Polizei ermittelte per Telegraph und veröffentlichte international dreisprachige Fahndungsplakate. Sachverständige stritten über die Rolle von Suggestion, magnetischer Willensübertragung und Hypnose. Vor dem Cour d'Assises de la Seine angeklagt werden schließlich am 16. September 1890 Michael Eyraud, ein Bekannter Gouffés, und dessen Geliebte Gabrielle Bompard.

          Anja Sya muß in ihrer Studie zwei irritierend ähnliche Geschichten erzählen und sie dabei dem Leser gegenüber darstellerisch strikt trennen. Auf die ausführliche Nacherzählung des Romangeschehens läßt sie jene des historischen Stoffs folgen, um dann zu ihrem vergleichenden Hauptteil überzuleiten. In ihm demonstriert Sya anhand der literarischen Praxis akribisch, was sie in ihrem Eingangskapitel literaturwissenschaftlich verteidigte: daß die Literatur trotz ihres fiktionalen Charakters Realitäten darstellt. Auch im Kriminalroman kann man literarisch und philosophisch gültige Wertinhalte und Wertgesetzlichkeiten entdecken. Deswegen darf die Literatur nicht exklusives Studienobjekt der literarischen Hermeneutik bleiben, auch die Rechtswissenschaft kann für sich Erkenntnisse aus der Auseinandersetzung mit der Dichtung ziehen.

          Über Juristisches in Romanen, Schauspielen und Gedichten gibt es nicht wenig Studien. Ernsthafte und gelungene Ansätze wie die Syas sind kaum darunter. Der Grund wird an vielen Stellen dieses Bandes deutlich. Denn die Schwierigkeiten verdoppeln sich bei diesen "produktiven Spiegelungen" (K. Lüderssen) jeweils. Neben dem tatsächlichen Fall muß die literarische Bearbeitung gewürdigt werden, natürlich mit anderen, aber immerhin doch juristischen Maßstäben. Beides wiederum hat seine historische Dimension, die gerade für die vergleichende Analyse wichtig wird.

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