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Rezension: Sachbuch : Freddy und der Mehrwert

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Unsere Studenten blasen nicht mehr: Die Weltreise der Mundharmonika

          5 Min.

          Ein Buch, das auf sechshundert engbedruckten Seiten über eine Mundharmonikafabrik aus dem württembergischen Trossingen handelt, erlaubt zu fragen: warum soll das interessieren? Gängige Unternehmensgeschichten halten hierauf nach bewährtem Schema eine entweder monumentale, kritische oder antiquarische Antwort bereit. Sie bieten die monumentale Bekanntschaft mit jenen Firmenetagen an, die von schumpeterschen Wagnisunternehmern und Verantwortungsträgern bevölkert werden. Oder sie üben sich kritisch im Versuch, den Arbeiterinnen und Angestellten an Geschichte und Kultur zurückzugeben, was ihnen die Chefs an Mehrwert vermeintlich abgezogen haben. Häufig aber holen sie einfach nur die abgestaubten Kassenbücher aus den Archiven und berichten von ihnen aus einem einzigen Grund - weil es sie eben gibt.

          Die vorliegende Arbeit enthält sich solcher Motive. Berghoff will zeigen, daß die Geschichte eines Unternehmens nur als Geschichte der Wechselwirkung von Markt, Organisation und lokalem Umfeld zu schreiben ist. Und dies alles weder "von oben" noch "von unten", sondern aus der Mitte ihrer wirtschaftlichen Sachbezüge: ihrem Standort, den Arbeitsabläufen und finanzwirtschaftlichen Bedingungen, ihren Beschaffungsmärkten und Absatzwegen, den Beziehungen der Firma zur Lokalpolitik und zur Konkurrenz, ihrem Marketing und ihrer weltwirtschaftlichen Einbettung. In einer immensen Fülle an Beschreibungen macht der Autor deutlich, daß es vom Verständnis der makro- und mikroökonomischen Lage abhängt, ob eine Unternehmenschronik eher als Kultur-, Finanz- oder Technikergeschichte zu akzentuieren ist. Je nach historischer Situation läßt er deshalb mit großem ökonomischen Gespür eher Probleme der Produktion, des Verkaufs oder der Industriepolitik als die betriebswirtschaftlichen Schlüsselfragen hervortreten.

          Die Hohner-Werke sind für Berghoff doppelt exemplarisch. Zum einen stehen sie für jenen Konsumgüterexport, der wesentlich zur "nachholenden Entwicklung" Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert beitrug. Die Wahl eines Unternehmens aus dem ländlichen Raum korrigiert das Vorurteil, die Industrialisierung habe sich nur im urbanen Zusammenhang vollzogen. Am Ende der Kaiserzeit lebte das Gros der Industriebeschäftigten außerhalb der Städte. Württemberg gibt das klassische Beispiel. Ein enger Binnenmarkt nötigte zum Export. Das Erbrecht erzwang von der Landbevölkerung gewerbliche Nebenarbeit. Der industriellen Entwicklung wiederum kam es zugute, daß die Arbeiter nicht völlig auf die Fabrik angewiesen waren. Bei Engpässen ließ sich die Lohnzahlung schon einmal kurzfristig aufschieben, ohne sofort Hungerkrisen auszulösen. Auch daß viele Trossinger als "Wirtschaftsflüchtlinge" in die Vereinigten Staaten emigrierten, erwies sich später als Entwicklungsvorteil. Als es um den Aufbau überseeischer Handelsbeziehungen ging, konnte Hohner auf ein Bekanntschafts-Netzwerk aus Familienbanden zurückgreifen. Die Württemberger waren die Chinesen des neunzehnten Jahrhunderts.

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