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Rezension: Sachbuch : Fragen Sie den Fachmann für Befruchtung

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Auch wenn jede zweite Blüte ausgesondert werden müsste: Lenn E. Goodman erntet reiche Früchte der jüdischen und islamischen Philosophiegeschichte

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          Über den jüdischen Richter Bachja Ibn Paquda in Saragossa weiß man wenig. Sein "Buch von den Pflichten des Herzens" soll er, auf Arabisch, zwischen 1080 und 1090 verfasst haben. Die spärliche Forschungsliteratur spricht von neuplatonischen und islamisch-theologischen Einflüssen auf dieses Werk. Dass Immanuel Kant das Buch gelesen hat, muss ausgeschlossen werden. Dennoch widmet Goodman eines der Kapitel seines Buches der Freiheitsidee bei "Bahya and Kant". Weitere Abhandlungen sind dem Begriff des Politischen bei "Ibn Khaldun and Thucydides" und dem Hedonismus bei "Razi and Epicurus" gewidmet. Auch zwischen diesen Denkern hat es keine Beeinflussungen oder Rezeptionen gegeben, und darum darf der Untertitel von Goodmans Buch, der von "gegenseitigen Befruchtungen" spricht, nicht missverstanden werden: Der Autor will keine Rezeptionsgeschichten schreiben, sondern er arbeitet ähnliche Denkmuster und Argumentationsstrukturen bei Philosophen heraus, die durch Kulturen, Sprachen, Religionen und Jahrhunderte getrennt sind.

          In dem Kapitel über "Maimonides and the Philosophers of Islam" ist darum die leitende Fragestellung auch nicht, welche Schriften der islamischen Philosophen Maimonides gelesen haben könnte und welche Gedanken daraus er sich zu Eigen gemacht hat. Goodman weist nur auf die Gemeinsamkeiten dieser Denker in ihren Reden über Schöpfung und Theophanie hin. Das umfangreichste Kapitel des Buches behandelt die Antinomie von Determinismus und Freiheit bei Spinoza, Maimonides und Aristoteles. Der Autor versucht hierin, drei Arten von Determinismus zu unterscheiden: den logischen Determinismus des Aristoteles (ein Ding kann nicht anders sein, als es ist), den theologischen Determinismus des Maimonides (Gott macht alle Dinge, wie sie sind) und den kausalen Determinismus Spinozas (ein Ding muss so sein, wie es ist, weil seine Ursache es so gemacht hat). Gleichzeitig zeigt dann Goodman, was diesen drei Philosophen trotz ihrer deterministischen Grundhaltung gemeinsam ist, nämlich die Lehre von der menschlichen Freiheit und Eigenverantwortlichkeit.

          Dieses Kapitel ist - ebenso wie das über "Freundschaft" - als Meisterstück interkultureller Interpretation zu bezeichnen. Doch der Leser muss sich Zeit nehmen, um den verschiedenen Interpretationssträngen folgen zu können, denn Goodman behandelt immer in eins die klassische Antike, das Judentum und den Islam (bis hin zu seinen persischen Ausuferungen). Was bedeutet aber hier der botanische Begriff "Crosspollinations", wenn der Autor Einflüsse und Rezeptionen streng ausschließt? Goodman spricht von einer langen "Symbiose" zwischen jüdischer und islamischer Philosophie. Die Gemeinsamkeiten, die in verschiedenen Epochen, Sprachen und Kulturen immer wieder erkennbar sind, ohne als Gemeinsamkeiten ausdrücklich bezeichnet zu werden, berechtigen den Autor zur Verwendung der Bezeichnung "gegenseitige Befruchtungen". Wenn direkte Abhängigkeitslinien auch nicht nachweisbar sind, können doch Gemeinsamkeiten erkannt werden.

          Goodman ist in diesem Buch kein Historiker, sondern ein Philosoph; keine Jahreszahlen oder Ortsangaben werden genannt, keine biografischen Details mitgeteilt, es werden nur philosophische Gedanken formuliert. Doch ist dieses wichtige philosophische Buch gleichzeitig auch ein politisches: Der Autor verneint nämlich die Ansicht, "der politische Konflikt zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn sei ein Ausdruck der tiefen philosophischen Verschiedenheiten" zwischen Juden und Muslimen. Das Buch macht deutlich, dass diese vermeintlichen Differenzen allein politische Erfindungen sind. Die philosophischen Entwürfe der Juden und Muslime seien nur "Antworten auf die größeren Fragen, die wir Menschen uns selbst und uns gegenseitig zu fragen haben". Das Buch zu lesen ist ein intellektuelles Vergnügen.

          FRIEDRICH NIEWÖHNER

          Lenn E. Goodman: "Jewish and Islamic Philosophy". Crosspollinations in the Classic Age. Edinburgh University Press, Edinburgh 1999. 256 S., geb., 50,- brit. Pfund.

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