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Rezension: Sachbuch : Fragebögen und Sündenregister

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John Dos Passos' Deutschland-Reportagen aus dem Jahre 1945

          Der amerikanische Schriftsteller John Dos Passos, weltberühmt durch seinen kinematographischen Roman "Manhattan Transfer", reiste im Herbst 1945 im Auftrag des "Life Magazine" für einige Wochen durch die westlichen Besatzungszonen Deutschlands und Österreichs, und was er dort beobachtete, bestärkte ihn in seinem Pessimismus. In den letzten Jahren des Krieges hatte er die Zivilcourage der Londoner Bevölkerung (unter Beschuß der "Wunderwaffen") und die Energie der amerikanischen Flottenangriffe gegen die Japaner bewundert, aber sobald er Deutschland betrat, erklärte er, die "Brutalität" des Krieges sei ein "ansteckender Typhus und verdammt viel schwieriger auszukurieren". Seine Berichte betrafen die frühe Alltäglichkeit der Okkupation nicht weniger als seine halbverborgenen Ängste über zukünftige politische Entwicklungen. Die Offiziere des Military Government lasen zwar bei den Pressekonferenzen aufmunternde Statistiken vom Blatt, aber Dos Passos, noch in den dreißiger Jahren ein unabhängiger und radikaler Linker mit einigen Erfahrungen in der Sowjetunion, vermochte sich des Verdachtes nicht zu entledigen, Amerika sei eben im Begriffe, den Frieden zu verlieren, weil seine naiven Kollegen bei lokalen und internationalen Verhandlungen "die Trumpfkarten" in die Hände der Russen spielten.

          Europa, glaubte er, hatte sich seit dem spanischen Bürgerkrieg den "todbringenden Illusionen" des Faschismus und des Kommunismus verschrieben, und seine ambivalenten Gefühle über den Frieden (diesen) und die Zukunft steigerten die Schärfe seiner Beobachtungskraft. "Ein Schwall von Morgenlicht sickert" bei der Einfahrt nach Frankfurt "aus einer Reihe von Fensterhöhlen"; auf den Bahnhöfen die Heimkehrer und Flüchtlinge, Frauen und Kinder, "die Haut hing ihnen von den Knochen, und ihr schwankender Gang, ihr ruheloses sinnloses Hin- und Herlaufen, ihre gotisch langgezogenen Gesichter, besaßen etwas Unnatürliches, Gespenstisches". Immerhin: Wo fünf Personen beisammenwohnten, durften sie eine Kochplatte dreimal täglich für eine Stunde erhitzen; die Okkupationsbehörden garantierten eine tägliche Pro-Kopf-Ration von 1100 Kalorien, ein amerikanischer Leutnant in Oberhessen war eben daran, drei Kinos zu eröffnen (die alten Pächter hatten den Fragebogentest nicht bestanden), und in einem Dorfe residierte die erste deutsche Bürgermeisterin, eine nette bebrillte Frau, die sich von ihren uniformierten Besuchern nicht stören lassen wollte, denn sie war, ungeachtet ihrer historischen Mission, eben dabei, ihre gute Stube zu putzen. In Wien gar spielten, inmitten der Trümmer, alle Theater.

          Im Bericht über den Beginn der Nürnberger Prozesse verbindet Dos Passos Persönliches und Sachlich-Historisches ohne Melodram oder Propaganda. Die Wachmannschaften sehen aus "wie die Baseball-Mannschaft einer High School", Hjalmar Schacht hat den Blick eines "wütenden Walrosses", und Görings Miene ist "zugleich durchtrieben, genialisch, extrovertiert und auf schlaue Art von sich selbst eingenommen", das Gesicht eines Schauspielers. Als der Amerikaner Robert Jackson für die Anklage spricht, fühlt sich Dos Passos einen Augenblick lang patriotisch und aller Sorgen frei, denn Jackson hat mit "großen und mutigen Worten" die philosophische Frage aufgeworfen, ob die menschliche Zivilisation überhaupt fähig sei, den Verbrechen dieses Krieges entgegenzutreten.

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