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Rezension: Sachbuch : Fortdauerndes Wechselverhältnis

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Vier Bücher zum hundertsten Geburtstag von Helene Weigel

          4 Min.

          Das zweitschwerste der vier Bücher, die zum heutigen hundertsten Geburtstag von Helene Weigel erschienen sind, stammt von Werner Hecht, mit einem Vorwort von Siegfried Unseld. Es wiegt 1060 g, enthält schöne, seltene Fotos. Werner Hecht als Brecht-Editor mit Vollmacht der Weigel und Siegfried Unseld als Brecht-Verleger dank der von der Weigel aufrechterhaltenden Suhrkamp-Prävalenz haben guten Grund, der Prinzipalin des Berliner Ensembles ein Denkmal zu setzen. Nach Brechts Tod hat sie, in Absprache mit den drei Miterben, Brechts Kindern, und begünstigt durch ihre österreichische Staatsbürgerschaft, alle Kontrollambitionen der SED auf Brechts schriftstellerischen Nachlass abgewehrt und den Universalvertrag ihres Mannes mit Peter Suhrkamps Verlag erst bestätigt, dann erneuert. Das Buch enthält eine Lebenschronik, den rezensorischen Widerhall ihrer Rollen von 1919 (damals debütierte sie in Frankfurt am Main als Woyzecks Marie) bis zu ihrem letzten Auftreten 1971 in Nanterre, und den Text eines Gesprächs, das Hecht, enger Mitarbeiter gerade in der Zeit des Ensemblezerfalls Ende der sechziger Jahre, mit ihr geführt hat; das Datum (November 1969) muss sich der Leser selbst erschließen. Helene Weigel hat kaum Einzelinterviews gegeben, nur wenige ihrer Privatbriefe sind erhalten; um so bedeutsamer ist dieses Gespräch.

          Von der Fotografin Vera Tenschert stammt ein 1400 Gramm schwerer Bildband, in dessen Aufnahmen - sie stammen aus der Zeit nach dem Riss, der 1961 durch das Berliner Ensemble zog - viele Facetten des Matriarchats aufscheinen, das die Weigel nach Brechts Tod über das ihr zugefallene Theater ausübte. Die Huldigung gibt Einblicke in die Privatsphäre; man sieht die Weigel nicht nur "Die Mutter" spielen, sondern auch Pilze sammeln und theaterinteressierte Armeeangehörige bewirten. Beiläufig erfährt man, dass Herman Budzislawski, Weltbühnen-Chef im Prag der dreißiger Jahre und amerikanische Exilgenosse, im Ost-Berlin der sechziger Jahre ihr engster Berater wurde. Hechts Buch wie das von Vera Tenschert zeigen Interieurs: schöne, alte Möbelstücke kombiniert vor neutralen Hintergründen. Eine ganze Intellektuellen-Generation hat so gewohnt.

          Ist das schwerste dieser Bücher nicht das gewichtigste, so ist das leichteste von ihnen leicht in einem sehr respektablen Sinn. Es stammt von Carola Stern und wiegt 380 Gramm. Die Geschichte eines Künstlerpaars, das in bemeisterter Schwierigkeit und fortdauernder Ergiebigkeit des Wechselverhältnisses kaum seinesgleichen hat, wird hier von einer außerordentlich erzählbegabten und politisch engagierten Lehrerin einer Schulklasse von heute erzählt. Sie setzt Befremden über die kommunistischen Anschauungen des Künstlerpaars und die Belastbarkeit einer Ehefrau voraus, die Mutter, Hausfrau, Lebensorganisatorin, Hauptschauspielerin, Intendantin war.

          Carola Stern erzählt diese Geschichte mit einer Mischung aus Bekümmert- und Unbekümmertheit, die gleich den rechten Ton trifft, mit einem dem Buch vorangesetzten Ehegedicht aus der Zeit des amerikanischen Exils: einem titellosen Wechselgesang zwischen Mann und Frau, dessen intensive Resignation der Ausdruck unauflöslicher Bezogenheit ist. Carola Sterns Bericht will, im Blick auf Brecht, keine Werkerzählung sein; wo er nicht umhinkann, diese Sphäre zu streifen, macht die Erzählerin es sich manchmal etwas leicht. Genau aber ist ihr Sinn für die psychischen und sozialen Voraussetzungen dieser lebensschwierigen Gemeinschaft; sie erkennt die androgyne Anziehung, die die Weigel auf Brecht ausübte, und beschreibt die Parallelität der Herkunft. Beider Väter waren Kleinbürger, denen der Aufstieg geglückt war. Der antibürgerliche Affront ihrer Künstlerkinder hatte die gleiche soziale Wurzel.

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