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Rezension: Sachbuch : Folgen einer Fernsehverführung

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Es flimmert blau, es weicht der Verantwortung fürs Gezeigte ins Ungreifbare aus, und manchmal küßt es uns auf die Stirn. Wir nennen es Fernsehen. Heimlich spüren wir Intellektuellen, was wir selten sagen: Das Fernsehen ist wie wir, wir sind - im Gegensatz zu Leuten, die etwas produzieren, was physisch verbraucht wird - wie das Fernsehen.

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          Es flimmert blau, es weicht der Verantwortung fürs Gezeigte ins Ungreifbare aus, und manchmal küßt es uns auf die Stirn. Wir nennen es Fernsehen. Heimlich spüren wir Intellektuellen, was wir selten sagen: Das Fernsehen ist wie wir, wir sind - im Gegensatz zu Leuten, die etwas produzieren, was physisch verbraucht wird - wie das Fernsehen. Manche von uns sind mutiger als andere und geben's zu: "Ich war noch nie zuvor von einer Fernsehserie verführt worden", schreibt Roz Kaveney, britische Kulturkritikerin sowie Herausgeberin des ersten wissenschaftlichen Sammelbandes über die Fernsehserie "Buffy, the Vampire Slayer", und fährt fort: "Natürlich gab es ein paar britische Dramenserien, die ich mochte. Einige amerikanische Sendungen schufen eigene Welten und machten sie endlos komplizierter, hatten seltsame Musik, einfallsreiche Dialoge oder einen großartigen visuellen Stil. Keine wurde zur Besessenheit, denn keine leistete alles, was eine Serie erreichen sollte. ,Buffy' aber hatte endlich alles, was ich suchte: Komödie, Horror, romantische Chemie, die Sendung riskiert ständig ihre eigenen Prämissen, die Dialoge sind flink, die Kampfszenen energetisch wie im Kino." Daß "Intellektuelle mittleren Alters" die Sendung "beim Dinner besprechen", wie Kaveney in ihrer Einleitung zu "Reading the Vampire Slayer" (Tauris, London 2001. 271 S., br., 14,95 US-Dollar) ausführt, soll kein defensives Erlesenheitsargument sein, sondern auch etwas über die Intellektuellen sagen, nicht nur über die Serie. Die kritische Masse für allerlei Analytisches über "Buffy" konnte man im Netz schon seit Jahren wachsen sehen: Joss Whedon, der sich die brillante Show über Teenager, Vampire und sämtliche Requisitenstücke popkultureller wie romantischer bis hochmoderner Phantastik nach einem leider in jeder Hinsicht mißratenen Debüt in Spielfilmform 1992 ausgedacht hat, warf den Leuten von literarischen Einflüssen zwischen Dickens und Mary Shelley bis zu Formatavantgardismen aller Art genug Futter hin, um mehrere Dutzend Message-Boards zu füllen. Kurz nach Kaveneys Band ist nun bereits ein zweites gedrucktes "Buffy"-Kolloquium erschienen ("Fighting the Forces - What's at stake in Buffy the Vampire Slayer", hrsg. von Rhonda V. Wilcox und David Lavery, Rowman & Littlefield, Lanham 2002. 311 S., br., 24,95 US-Dollar). Ging es bei Kaveney um "Bürgerlichkeit und das Göttliche" oder "Buffy als Ikone", so diesmal um die "Entdämonisierung der Nebenrolle bei ,Buffy'" oder "Kendra als tragische Mulattin". Neben tranigem Cultural-Studies-Gewäsch und humorlosem Dekonstruktionskram finden sich (oft im selben Aufsatz) echte Blitze der fernsehadäquaten Kunstbetrachtung: "Wir werden bei dieser Show in die Figurengruppe aufgenommen, wie es das Modell ,Band' in der Popmusik nicht vermöchte." Das einzige, was an beiden Büchern wirklich stört, ist das verzettelte Prinzip "Sammelband": Wer schenkt uns endlich einen dickleibigen monographischen Wälzer, der für Joss Whedon und Buffy leistet, was Harold Bloom für Shakespeare getan hat: aufzeigen, daß eine erfundene Welt, wenn sie nur gut genug erfunden ist, mit der Zeit immer mehr Welt wird und immer weniger erfunden?

          DIETMAR DATH

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