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Rezension: Sachbuch : Ferne Nähe, freundliche Einsamkeit

  • Aktualisiert am

John Bayleys Erinnerungen an Iris Murdoch · Von Renate Schostack

          4 Min.

          Dieses Buch spielt in einer Welt, zu der es in Deutschland nie ein Pendant gab und die es heute auch in England wohl nicht mehr gibt: im Oxford der fünfziger und sechziger Jahre, in einer geschlossenen Welt mit eigenen Ritualen und eigenem Sprachcode, wo die Professoren nett, schrullig und hochnäsig wie Kamele sind und die Studenten dandyhaft und blitzgescheit. Letztere haben in diesem Buch keinen Auftritt. John Bayley, Professor für englische Literatur und selbst Romanautor, erzählt von seinem Leben mit Iris Murdoch, der britischen Erfolgsschriftstellerin, die ihr Mann, als sie im Alter von der Alzheimerschen Krankheit befallen wurde, liebevoll umhegte und umsorgte. Sie starb im Jahre 1999. Der wunderbar erzählte autobiographische Bericht ist in acht "Damals" überschriebene Kapitel und ein einziges "Jetzt" genanntes gegliedert. Doch die Krankheit bricht bereits in die Schilderung des glücklichen Lebens ein, sie gibt der Geschichte ihre dunkle Grundierung.

          Die Liebe zu der ein wenig älteren Philosophiedozentin, die gerade ihren ersten Roman veröffentlicht hatte, traf Bayley wie der klassische Blitzschlag. "Wie ein höheres Wesen" erschien ihm die junge Frau, die er an seinem Fenstern vorüber radeln sah. Iris Murdoch verkehrte zu jener Zeit, Anfang der fünfziger Jahre, in einem Kreis von Dozentinnen, die als gewagt galten: Gin trinkende Lesben "der besten Art". Sie selbst suchte erotische Abenteuer in London, vor allem in einem Kreis intellektueller Emigranten, die Bayley als "unbekannte und gottähnliche ältere Männer" mit Eifersucht verfolgte. Am verhasstesten war ihm jenes "Gott-Monstrum in Hampstead", der "Dichter" - er wird hier immer in Anführungszeichen gesetzt -, dessen Namen er nicht nennt, den man aber leicht als Elias Canetti entziffern kann. Iris Murdoch handelt von ihm in dem Roman "The Flight from the Enchanter". Mit ausgesuchter Maliziosität schildert Bayley eine spätere Begegnung mit diesem "Magier", der sich nur zufrieden gibt, wenn man ihn mit Shakespeare vergleicht.

          Dass der scheue junge Mann, der von Sexualität kaum eine Ahnung hatte und selbstverständlich von seiner Angebeteten zuerst geküsst wurde, deren dauerhafte Gunst errang, sodass sie ihn nach zwei Jahren treuer Gefolgschaft heiratete, zeugt dafür, dass er wohl nicht ohne Qualitäten war. Das Buch ist ein Hohelied auf die Ehe. Für deren Freuden wählt Bayley ungewohnte Worte, etwa "das Gefühl sicherer und doch ferner Nähe" oder "die freundliche Gegenwart der Einsamkeit". Die Sexualität spielt dabei eine ganz und gar untergeordnete Rolle. Bayley spricht - mit einem Seitenblick auf die sexuelle Revolution im England dieser Epoche - von ihrer "gemütlichen, ja quietistischen Art, an die Sache heranzugehen". Beide pflegten sie "eine wohlwollende Gleichgültigkeit gegenüber der Fortpflanzung". Sie waren einander nahe "auf einer tiefen versöhnenden Ebene". Wie viele kinderlose Paare entwickelten sie ihren eigenen Kult der Zweisamkeit.

          Das Vergnügen, in Flüssen zu baden, gehört ebenso dazu wie die Obsession, in Italien Bilder zu betrachten. Das Dasein wird belebt durch komplizierte technische Geräte wie Automobile oder den Kauf und die Einrichtung von Häusern, deren "schmuddelige Stillleben" zu beschreiben John Bayley nicht müde wird. Voller Humor und Selbstironie schildert er, wie die beiden - "absurde, wenn auch einnehmende Geschöpfe" - den Dingen ihren Lauf lassen. Wohl nur Oxbridge Dons mit ihren geringen Lehr- und Tutorenverpfllichtungen konnten in jenen fernen Zeiten ein so selbstvergnügtes, zurückgezogenes Dasein führen.

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