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Rezension: Sachbuch : Evolution von Marx zu Darwin

  • Aktualisiert am

Das Missing Link der Philosophie: Peter Singer baut die Linke auf

          4 Min.

          Politisch wie philosophisch linkes Denken scheint in einer Krise zu sein: Die nationalen Gewerkschaften haben keine Macht mehr, sogar sozialdemokratische Regierungen unterstützen die Welthandelsorganisation, der Sozialismus ist in seiner sogenannten realen Form gescheitert - an sich selbst und seinen hybriden Versprechungen. So jedenfalls skizziert Peter Singer in seinem jüngsten Büchlein den Ort und das Dilemma der Linken. Die Linke brauche in ihrer Orientierungskrise dringend ein neues Paradigma, das Singer in, wie er glaubt, einem traditionellen Antagonisten des Marxismus erblickt: dem Darwinismus, der, zwischenzeitlich geläutert und von Missverständnissen purifiziert, nun ein menschliches Antlitz entwickelt habe. Kooperation miteinander und Solidarität untereinander seien nämlich auch aus evolutiver Perspektive sinnvoll. Die Zeit sei also gekommen, eine darwinistische Linke zu entwickeln, um dadurch sowohl die alte Linke aus der Sackgasse ihres materialistischen und dennoch naturverachtenden Historismus zu befreien als auch den Darwinismus aus den Klauen rechter Ideologen.

          Auch unser Verhalten, mithin also die Evolution der sozialen Systeme, und nicht nur unsere Physiologie und Anatomie seien durch die biologische Evolution vorgeprägt. Die Linke müsse sich deshalb auf die Suche nach Verhaltensuniversalien machen, um sich selbst neu zu begründen und neu zu verstehen. Man benötigt allerdings kaum Singers darwinistisch aufgeblähtes Theoriegebäude, um zu erkennen, daß die revolutionäre Zerstörung von Hierarchien dazu tendiert, neue Hierarchien hervorzubringen. Diese Einsicht ist so alt, wie sie jedem dialektisch geschulten Interpreten klar sein dürfte. Singers impliziter Anspruch zeigt sich sehr deutlich: Es geht ihm darum, die antihegelianische Attitüde von Marx allererst noch zu vollenden. Dialektisch mutiert der Hegelianismus über Marx und das missing link Darwin zum politisch korrekten Singerismus. Zwischen Natur und Geschichte, Evolution und Gesellschaft klafft kein Graben mehr, Marx und Darwin feiern versöhnt das fröhliche Stelldichein eines "Seid lieb und nett zueinander", wo, mit Hegel, kein Glied nicht trunken ist.

          Singers konsequentialistischer Imperativ der Kooperation, der biologische Arten in gleichem Maße transzendiert, wie er Menschen, die nicht den Idealanforderungen im Überlebenskampf Genüge tun, die Kooperation verweigert - gerade weil er mitleidig beansprucht, kooperativ zu sein -, zeigt sich dabei als Herzstück einer biologistischen Einheitstheorie der Wirklichkeit, die, im verklärten Blick auf Affenethik und Delfinmoral, Altruismus schlicht als Selektionsvorteil zu verkaufen sucht. Von den behinderten, den kranken, den alten Menschen spricht Singer hier allerdings wenig. Daß, wie er immer wieder betont, Menschen nichts denn entwickelte Tiere seien, ein Produkt der Evolution und nichts mehr, bereitet im Gewande der Nettigkeiten den Boden für jenen Reduktionismus, den Singer praktische Ethik nennt und der im Gewande pseudowissenschaftlicher Zukunftserwägungen nur das utopische Projekt des wissenschaftlichen Marxismus fortsetzt. Marx ist tot, und Singer lebt. Was Singers pathetischer Tractatus politico-biologicus dabei mit "links" meint, bleibt allerdings genauso unklar und wässerig wie sein utilitaristischer Eintopf aus Neo-Darwinismus, Marxismus und Tierethik. "Links" sei das Spektrum von Ideen, eine bessere Gesellschaft zu realisieren. Das ist schön - und trivial: Wer und was nämlich ist dann noch liberal, konservativ oder gar rechts?

          Über bereits von ihm Gesagtes - mehrfach zumeist schon - und Platitüden kommt Singer allerdings kaum hinaus. Wieder einmal begegnet einem Henry Spira, den, wie er schreibt, kaum jemand kennen dürfte - hätte Singer ihn nicht schon einem breiten Publikum vorgestellt. Spira ist nun ein wahrer Idealist, der sich für die Belange der Schwachen und Armen einsetzt, ohne eigenen Nachteil zu befürchten, der aber auch - welch Wink des munter evolvierenden Weltgeistes - zum Vorkämpfer der amerikanischen Tierrechtsbewegung mutierte, angestoßen durch den Aufsatz eines gewissen - wen wundert das noch? - Peter Singer. Das nennt man denn nun wirklich Einfluß, ökologische Nischen zu besetzen.

          In Singers Simplifizierungen, die zeitgenössische Epistemologie und Wissenschaftstheorie (von der Biologie ganz zu schweigen) weitgehend ignorieren, liegt eine Gefahr. Singer, der seit einiger Zeit Professor für Bioethik an der University Centre for Human Values in Princeton ist, erzielt seine Wirkung durch süffisante Eingängigkeit, durch die banale Botschaft seiner Sentenzen und Gemeinplätze, durch die geschickte Mischung von Trivialem und Kontroversem. Seine philosophische Bescheidenheit (nicht gerade ein Selektionsvorteil, sollte man meinen) macht es ihm dabei allerdings noch leichter: Welcher Philosoph sehnte sich nicht danach, daß die Probleme so simpel wären, daß zentrale ethische Fragen sich im Plauderton zwischen Wohnung und Büro lösen ließen?

          Singers neues Werk ist in der Reihe "Darwinism today" erschienen, in der kurze Bücher von, wie uns die Herausgeber versichern, führenden Figuren auf dem Gebiet der Evolutionstheorie veröffentlicht werden. Diese Reihe geht auf das Darwinismusprogramm der London School of Economics zurück, das den Darwinismus als Weltanschauung zu popularisieren unternimmt. Spätestens hier aber zeigt sich der naturalistische Fehlschluß von Fakten auf Normen, es sei denn, man reduzierte den Darwinismus auf ein Programm, dessen Ideen rezipiert werden, solange sie den eigenen Ideologien nicht widersprechen, sondern sie unverbindlich stützen. Das nennt man Legitimation durch Illustration, und genau das scheint Singer zu unternehmen. Von Fakten leite auch er keine Normen ab, bekennt er, was sich im Laufe der Evolution entwickelt habe, sei nicht schon deshalb gut, wahr oder richtig. Warum er dann trotzdem ein neodarwinistisches Paradigma für die Linke fordert, bleibt unverständlich, es sei denn, er will normativ gerade noch an den vermeintlich "reinen Fakten" der Biologie zehren. Daß er sich dabei den Magen verdirbt, scheint allerdings eine mehr als nur hypothetische Gefahr zu sein.

          HOLGER ZABOROWSKI

          Peter Singer: "A Darwinian Left. Politics, Evolution and Cooperation". Weidenfeld & Nicolson, London 1999. 64 S., geb., 5,99 brit. Pfund.

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