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Rezension: Sachbuch : Evolution von Marx zu Darwin

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Über bereits von ihm Gesagtes - mehrfach zumeist schon - und Platitüden kommt Singer allerdings kaum hinaus. Wieder einmal begegnet einem Henry Spira, den, wie er schreibt, kaum jemand kennen dürfte - hätte Singer ihn nicht schon einem breiten Publikum vorgestellt. Spira ist nun ein wahrer Idealist, der sich für die Belange der Schwachen und Armen einsetzt, ohne eigenen Nachteil zu befürchten, der aber auch - welch Wink des munter evolvierenden Weltgeistes - zum Vorkämpfer der amerikanischen Tierrechtsbewegung mutierte, angestoßen durch den Aufsatz eines gewissen - wen wundert das noch? - Peter Singer. Das nennt man denn nun wirklich Einfluß, ökologische Nischen zu besetzen.

In Singers Simplifizierungen, die zeitgenössische Epistemologie und Wissenschaftstheorie (von der Biologie ganz zu schweigen) weitgehend ignorieren, liegt eine Gefahr. Singer, der seit einiger Zeit Professor für Bioethik an der University Centre for Human Values in Princeton ist, erzielt seine Wirkung durch süffisante Eingängigkeit, durch die banale Botschaft seiner Sentenzen und Gemeinplätze, durch die geschickte Mischung von Trivialem und Kontroversem. Seine philosophische Bescheidenheit (nicht gerade ein Selektionsvorteil, sollte man meinen) macht es ihm dabei allerdings noch leichter: Welcher Philosoph sehnte sich nicht danach, daß die Probleme so simpel wären, daß zentrale ethische Fragen sich im Plauderton zwischen Wohnung und Büro lösen ließen?

Singers neues Werk ist in der Reihe "Darwinism today" erschienen, in der kurze Bücher von, wie uns die Herausgeber versichern, führenden Figuren auf dem Gebiet der Evolutionstheorie veröffentlicht werden. Diese Reihe geht auf das Darwinismusprogramm der London School of Economics zurück, das den Darwinismus als Weltanschauung zu popularisieren unternimmt. Spätestens hier aber zeigt sich der naturalistische Fehlschluß von Fakten auf Normen, es sei denn, man reduzierte den Darwinismus auf ein Programm, dessen Ideen rezipiert werden, solange sie den eigenen Ideologien nicht widersprechen, sondern sie unverbindlich stützen. Das nennt man Legitimation durch Illustration, und genau das scheint Singer zu unternehmen. Von Fakten leite auch er keine Normen ab, bekennt er, was sich im Laufe der Evolution entwickelt habe, sei nicht schon deshalb gut, wahr oder richtig. Warum er dann trotzdem ein neodarwinistisches Paradigma für die Linke fordert, bleibt unverständlich, es sei denn, er will normativ gerade noch an den vermeintlich "reinen Fakten" der Biologie zehren. Daß er sich dabei den Magen verdirbt, scheint allerdings eine mehr als nur hypothetische Gefahr zu sein.

HOLGER ZABOROWSKI

Peter Singer: "A Darwinian Left. Politics, Evolution and Cooperation". Weidenfeld & Nicolson, London 1999. 64 S., geb., 5,99 brit. Pfund.

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