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Rezension: Sachbuch : Es schweift der Sekundant

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Erhellend und auch nicht: Michel Butor erklärt sich selbst

          2 Min.

          Kommen Sie einmal in die Jahre, droht berühmten Schriftstellern dieselbe Gefahr wie großen Staatsmännern: Der Wunsch nach Lebensbilanz läßt sie zum fallenreichen Genre der Memoiren greifen. Da hilft es wenig, daß man einst zu den Pionieren der Avantgarde zählte. Zum abgerundeten Lebenswerk gehört, so scheint es, die abschließende Autobiographie.

          Michel Butor, eine der großen Figuren des französischen "Nouveau roman", hätte sich an das Vorbild seiner ehemaligen Kollegen halten können. Nathalie Sarraute und Robert Pinget nahmen zum damaligen Erstaunen der Leser die Gattung der Autobiographie auf, die sie dann freilich in bemerkenswert kreativer Weise handhabten. Butor wählt, ganz im Stil seines übrigen essayistischen Werks, den Weg der Improvisation. Damit rettet er sich vor dem Vorwurf des Belanglosen, den man oft zu Recht den Memoiren vorhalten kann. Wer improvisiert, darf sich einige Längen und gelegentliche Ausrutscher ins Banale leisten; sie gehören zur Spielregel. Man schätzt die spontanen Einfälle und Einsichten um so mehr.

          Fünfzehn Jahre lang lehrte Michel Butor französische Literatur an der Universität Genf. Dabei verbot er sich selbst, über ein Thema zu sprechen, das durchaus in sein Lehrgebiet gefallen wäre, nämlich den Autor Michel Butor. Studenten, die mit ihm über sein Werk reden wollten, empfing er grundsätzlich in privater Umgebung. Am Schluß aber forderten ihn seine Kollegen auf, diese willentliche Unterlassung zu korrigieren und sein eigenes Werk zum Gegenstand einer Vorlesung zu machen. Daraus entstanden die 27 Teile dieser "Improvisationen über Michel Butor", die jetzt in der Übertragung des bewährten Butor-Übersetzers Helmut Scheffel erschienen sind.

          Improvisation bedeutet spontane, anekdotenreiche Sprunghaftigkeit, aber Butors Buch ist trotz des Anscheins ungebundener Systemlosigkeit keineswegs unzusammenhängend. Es folgt ungefähr dem Lebenslauf seines Autors und erlaubt sich zahlreiche Abschweifungen, die aber immer mit einem konkreten biographischen oder literaturhistorischen Ereignis verknüpft sind. So entsteht das mosaikhafte Tableau einer durchaus typischen Dichterexistenz, die im Frankreich der Nachkriegszeit beginnt. Es ist ein bemerkenswerter Moment in der Geschichte der französischen Kultur, die sich, trotz des weltweiten Nachhalls der existentialistischen Generation, fortan mit einer Sekundantenrolle im Weltgeschehen abfinden muß.

          Diesen Wandel beschreibt Butor, der viel umhergereist ist und in zahlreichen Ländern unterrichtet hat, mit wohltuender Zurückhaltung. Er überläßt sich nicht dem nostalgischen Ressentiment, das manche seiner konservativen Zeitgenossen auszeichnet. Einige der besten Kapitel seines Buchs sind der "Entdeckung Amerikas" gewidmet und der - nicht ausschließlich politischen - Führungsrolle der Vereinigten Staaten. Auch die Veränderung der Literatur in einem Kulturbetrieb, der von moderneren Medien beherrscht wird, sieht Butor zwar nicht emotionslos, aber doch mit kritischer Distanz.

          Natürlich läßt sich dieses Buch auch als Einführung in Michel Butors literarisches Werk lesen, von dem allenthalben und unter verschiedenen Gesichtspunkten die Rede ist. Butors Selbstgespräch handelt von Sprache und Stil, von der Verwandtschaft der Literatur mit der bildenden Kunst und der Musik, von Schauplätzen und Figuren seiner Romane, deren oft komplexe Problematik der Autor mit verblüffender Einfachheit zu schildern vermag. Das informative Kapitel über Butors Hauptwerk "La Modification" verlangt vom hiesigen Leser zunächst etwas Selbstironie: Es ist mit "Einführung für Chinesen" betitelt und verwendet in der Tat das vom Autor selbst verfaßte Vorwort für die chinesische Ausgabe des bahnbrechenden Romans.

          Schließlich spricht aus diesen "Improvisationen" auch die ungewollt wehmütige Poesie eines großen Schriftstellers, der zusammen mit seiner Epoche alt geworden ist und spürt, wie ihm der Zeitgeist davonläuft. Scharfsinnig und philosophisch zugleich erkennt Michel Butor die Zeichen des Wandels - mit dem offenen Auge eines engagierten Beobachters, der zu den Akteuren der Vergangenheit zählt und sich nunmehr eine "aktive Muße" verordnet hat. GÉRALD FROIDEVAUX

          Michel Butor: "Improvisationen über Michel Butor". Schreibweise im Wandel. Aus dem Französischen übersetzt von Helmut Scheffel. Literaturverlag Droschl, Graz und Wien 1996. 280 Seiten, br., 44,- DM.

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