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Rezension: Sachbuch : Es gibt ja nichts anderes

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Unter sich sein: H. C. Artmann und der Wiener "Strohkoffer"

          Ein kleines, verrauchtes, mit Strohmatten ausgekleidetes Kellerlokal unterhalb der Loos-Bar in Wiens Innenstadt: Der "Strohkoffer", die Galerie des "Art Club", war in den fünfziger Jahren das Zentrum der österreichischen Kunstszene. Hier trafen fast sämtliche Genres und Richtungen aufeinander; es war eine abenteuerlich bunte Mischung. Die Schriftsteller der später so genannten "Wiener Gruppe" waren ebenso vertreten wie die Maler Hundertwasser und Hutter oder die Musiker Ernst Kölz, Cerha und Gulda. Ein merkwürdiges Zwischenstadium: Die lange geringgeschätzte Epoche ist Vergangenheit, aber noch nicht ins Reich der Archive entschwundene Geschichte. Die wichtigste Quelle zu ihrer Erforschung bildet immer noch das Gedächtnis der Beteiligten, der Figuren im Mittelpunkt und am Rande.

          Schon in früheren Projekten, insbesondere über Thomas Bernhard, hat die Theaterwissenschaftlerin Maria Fialik interessantes Material aus dieser Zeit gesammelt und aufbereitet. Ihr neuer Band mit Interviews kreist um "H. C. Artmann und die Literatur aus dem Keller". Indes führt der Titel durch Bescheidenheit in die Irre. Denn das ausgebreitete Panorama geht über den literarischen Bezirk weit hinaus. Zwei Sätze werden zum Programm. "In Wien hängt alles mit allem zusammen", meint Frau Fialik ganz nebenbei. Und: "Das ist alles Erotik", sagt Artmann, "es gibt ja nichts anderes."

          Ein ungemein feinmaschiges Beziehungsnetz verband die unterschiedlichsten Charaktere. Alkohol und Witz, höhere Kasperliaden und Sexualität nach dem "Reigen"-Prinzip waren der Kraftstoff des Betriebs. Artmann kam dabei wohl in der Tat eine Schlüsselrolle zu. Der Sprachabenteurer, Dandy und Vorstadt-Troubadour wurde allgemein respektiert, sein außergewöhnliches Talent innerhalb dieses Kreises sofort erkannt und anerkannt. Als nahezu mythische Figur taucht in den Erinnerungen immer wieder Konrad Bayer auf - über seinen Suizid sind mehrere Versionen im Umlauf. Ihr Tenor: Bayer hat eine gewisse Routine in Selbstmordversuchen und deren Ankündigung besessen. Daß einer gelang, war ein tragisches Mißgeschick.

          Besonders aufschlußreich lesen sich die Gespräche mit dem Filmemacher Ferry Radax, dem grenzüberschreitenden Musikpoeten Gerhard Rühm und dem Autor Wolfgang Kudrnofsky. Der zeichnet sich nämlich durch netten Zynismus aus und macht mit Vorliebe frommen Legenden den Garaus. Ohne Zweifel wirken Anekdoten - vornehmer ausgedrückt: die Glanzstücke der oral history - stets ein wenig verdächtig. Ihre Glaubwürdigkeit nimmt mit dem Grad der Pointierheit ab. Doch durch die Zusammenschau diverser Zeugenaussagen läßt sich annähernde Tatsachentreue erzielen. Darum kann Maria Fialiks Buch mit Fug und Recht als biographische und kulturhistorische Fundgrube für die Wiener Nachkriegs-Bohème gelten. Albert Paris Gütersloh nannte den "Strohkoffer" einst den "letzten Pinselstrich am Bilde einer Metropole". Der vermeintliche Farbtupfen gibt sich mittlerweile als das atmosphärische Gestaltungselement schlechthin zu erkennen. ULRICH WEINZIERL

          Maria Fialik: "Strohkoffer"-Gespräche. H. C. Artmann und die Literatur aus dem Keller". Paul Zsolnay Verlag, Wien 1998. 256 S., geb., Abb., 39,80 DM.

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