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Rezension: Sachbuch : Es geht um Leben und Tod

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Es ist wohl jene abgrundtiefe Ambivalenz, welche uns an den neuartigen Entwicklungen der Reprogenetik so fasziniert: die Hoffnung, mit Hilfe unsterblicher Stammzellen einer großen Anzahl schwerkranker und leidender Menschen Heilung bringen zu können, einerseits und das Erschrecken über die Radikalität ...

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          Es ist wohl jene abgrundtiefe Ambivalenz, welche uns an den neuartigen Entwicklungen der Reprogenetik so fasziniert: die Hoffnung, mit Hilfe unsterblicher Stammzellen einer großen Anzahl schwerkranker und leidender Menschen Heilung bringen zu können, einerseits und das Erschrecken über die Radikalität des biotechnischen Zugriffs auf die Anfänge des ehedem heilig-geheimnisvollen menschlichen Lebens andererseits.

          Im Zentrum der internationalen wie nationalen Debatte steht dabei trotz aller Neuerungsrasanz eine uralte philosophische Frage, die nach dem moralischen Status des (frühen) Embryo. Und ebenso alt wie das Grundsatzproblem sind im Kern auch viele Argumente, mit denen eine plausible Antwort auf jene Frage gefunden werden soll. Vier grundlegende Begründungsansätze für einen möglicherweise fundamentalen Status des Embryo und gegen eine sogenannte verbrauchende Forschung an ihnen lassen sich benennen: das Spezies-, das Kontinuums-, das Identitäts- und das Potentialitätsargument. Diese sogenannten SKIP-Argumente werden nun neu diskutiert, rekonstruiert, dekonstruiert und ausdifferenziert in einem überaus verdienstvollen Band, der - herausgegeben von Gregor Damschen und Dieter Schönecker - ein DFG-Rundgespräch in Kooperation mit dem Institut für Philosophie der Universität Halle-Wittenberg vom Beginn dieses Jahres präsentiert.

          Die zum Teil höchst diffizilen neuen Aspekte, welche die biowissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahre aufgedeckt haben, werden dabei keineswegs ausgespart, sondern sind den Scharfsinn herausforderndes Erprobungsmaterial: etwa die Frage nach möglichen Statusdifferenzen zwischen der imprägnierten Oozyte, also dem sogenannten Vorkernstadium, der Zygote und dem biologisch-autonomen Frühembryo oder der Reprogrammierung von Körperzellen. Auf durchweg hohem Niveau streiten dabei Eberhard Schockenhoff und Reinhard Merkel um das Speziesargument, Ludger Honnefelder und Matthias Kaufmann um das Kontinuumsargument, Rainer Enskat und Rolf Stoecker um das Identitätsargument sowie Wolfgang Wieland und Bettina Schöne-Seifert um das Potentialitätsargument.

          Zu den Höhepunkten des Bandes gehört neben der Verteidigung des Potentialitätsarguments durch den Heidelberger Emeritus Wieland aber das umfangreiche Schlußkapitel der beiden Herausgeber, die neu akzentuierte Argumente zum moralischen Status menschlicher Embryonen in ein Plädoyer "in dubio pro embryone" münden lassen. Ihre indirekte Begründungsstrategie geht von einer weithin anerkannten Prämisse - nämlich: daß reversible Komatöse und Neugeborene nicht getötet werden dürfen - aus und versucht nachzuweisen, daß gegen den Ausschluß von Embryonen aus diesem Schutzmodell die besseren Gründe sprechen. Sie verwenden dabei durchaus plausibel auch ein Vorsichtsargument.

          Die existentiellen Fragen am Anfang und Ende des menschlichen Lebens lassen sich sicher nicht auf SKIP-Argumente und formgerechte Syllogismen reduzieren. Und das moralphilosophisch wie verfassungsrechtlich zentrale Phänomen, das aus dem Gebot, die Würde des Menschen zu achten, resultiert, kann ein Verbot der sogenannten verbrauchenden Embryonenforschung möglicherweise auch jenseits oder diesseits von Spezies-, Identitäts-, Kontinuums- und Potentialitätsstrategien legitimieren. Dennoch: Gerade für das oftmals so schwierige transdisziplinäre Gespräch ist eine selbstkritische Vergewisserung über die Stringenz, Reichweite und Grenzen der je verwandten Argumentationstopoi ohne Zweifel ein Gewinn. Wer hieran in der gegenwärtigen Auseinandersetzung ernsthaft interessiert ist, dem sei das Buch nachdrücklich empfohlen.

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