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Rezension: Sachbuch : Erzähl kein Blech, dir geht's doch gold

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Dieter Thomä rettet das Leben vor der Biographie / Von Richard Kämmerlings

          5 Min.

          Tagebücher, die zu genau werden", so notierte Elias Canetti einmal, "sind das Ende der Freiheit." Der Verfasser einer dreibändigen Autobiographie wußte um die Last, die eine fixierte Vergangenheit für das Ich bedeuten kann: Wer seine Biographie erzählt, legt sich fest. Nicht zuletzt das skeptische Votum der Literatur brachte den Philosophen Dieter Thomä zum Nachdenken über die Frage nach dem Nutzen der Erzählung für das Leben. Seine Kritik der allseits bezeugten Wertschätzung der Lebensgeschichte hat zweifellos ihr Recht, denn der biographische Diskurs ist im Gefolge des narrative turn der Humanwissenschaften längst inflationär geworden. Auch hinter der Aufforderung, Ost- und Westdeutsche mögen einander ihre Biographien erzählen, steckt die Annahme, daß Annäherung nur über die umfassende Lebensgeschichte einer Person möglich sei: private Begegnungen nach dem Modell des Vorstellungsgesprächs, in dem jede Lücke im Lebenslauf gleich verdächtig ist.

          Praktische Philosophen wie Hannah Arendt fordern, "daß man im Leben darauf hinwirken muß, eine Geschichte wahr werden zu lassen". Thomä kann jedoch zeigen, daß dieses Muß weder für die Realisierung eines guten noch eines glücklichen Lebens gilt. Beispielsweise ist die Übernahme von Verantwortung zwar an ein Bekenntnis zur eigenen Vergangenheit gekoppelt, sie kann jedoch weite Bereiche des eigenen Lebens getrost ausblenden. Ein in sich geschlossener Lebenszusammenhang ist andererseits auch nicht der Königsweg zum Daseinsglück. Denn dabei wird das Unerwartet-Episodenhafte des Glücks außer acht gelassen, das sich dem Kausalitätszwang einer Story nicht fügt. Erzählerische Ordnung ist nur das halbe Leben.

          Thomä mustert verschiedene Versuche, das Verhältnis von Selbst und Lebensgeschichte zu fassen, indem er drei Haupttypen des Selbstverhältnisses unterscheidet: Selbstbestimmung (Kierkegaard, Habermas, Rawls), Selbstfindung (MacIntyre) und Selbsterfindung (Nietzsche, Rorty). Thomäs Grundthese lautet, daß von einem philosophischen Standpunkt her nicht begründbar sei, daß die Vergewisserung über die eigene Lebensgeschichte die Gegenwart bereichere oder gar in irgendeiner Weise zwingend wäre: "Beim Leben handelt es sich - anders als bei den Postwertzeichen aus DDR-Produktion - nicht um ein abgeschlossenes Sammelgebiet."

          Theorien der Selbstbestimmung und Selbstverantwortung führen nach Thomä in das Dilemma, von einem Begriff der autonomen Person ausgehen zu müssen, diese jedoch nur negativ als Abwehr jeglicher Heteronomie definieren zu können. Wenn aber, wie etwa bei John Rawls, Lebensform und Stellenwert der Autonomie wechselseitig aufeinander bezogen sind, bleibt unklar, wie sich eine Person denn nun zu ihrer Geschichte verhalten soll. Autonomie ist eine Setzung mit wünschenswerten politischen Konsequenzen, sie taugt jedoch nicht zur Begründung des Selbst. Der Widerruf der eigenen Geschichte führt im Extremfall zum Selbstverlust. Wer sich mit dem Scheuermittel der Selbstbestimmung zur tabula rasa blankputzt, den ergreift vielleicht die lähmende Angst vor dem leeren Blatt.

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