https://www.faz.net/-gqz-6qnhb

Rezension: Sachbuch : Erinnern heißt vergessen

  • Aktualisiert am

Michal Bodemanns Pamphlet gegen die Vergangenheitsbewältigung

          3 Min.

          Michal Bodemann, Professor für Soziologie an der Universität von Toronto, ist verärgert: über die Vereinnahmung der so gut wie unsichtbar in Deutschland lebenden jüdischen Minderheit, ihres Judentums und ihrer vergangenen Leiden. Und über das deutsche Establishment mit seiner gnädigen Betroffenheit.

          Auf einen kurzen Nenner gebracht, ist es Bodemanns These, daß die Juden für nationale, parteiliche oder persönliche Zwecke jeweils neu erfunden werden, daß die Juden selbst zu diesem Spiel die Hand reichen und somit als "Vorzeigejuden", als "Hofjuden", wie man sie früher nannte, eine Rolle als "Erlöser" von Schuld spielen. Das Thema ist alt und vielfach in vorzüglich fundierten Schriften über Status und Funktion ethnischer Minderheiten abgehandelt worden, also durchaus von soziologischer Relevanz. Doch davon hält sich der Soziologe Bodemann fern. Er zieht es vor, eine aus Vorwürfen und Vergehen bestehende Klagemauer zu errichten, die er durch Ereignisse aus der Vergangenheit, vor allem aus der Nachkriegszeit, sowie durch einige wenige Begebenheiten aus der Gegenwart dokumentiert.

          Was die Gegenwart angeht, so macht Bodemann seine These an den zahlreichen offiziellen, offiziösen und privaten Veranstaltungen fest, die, zu bestimmten Jahrestagen, der nationalsozialistischen Verbrechen an den Juden gedenken. Er nennt sie ein "Gedächtnistheater" oder, drastischer, eine "Gedenk-Epidemie". Dieses Gedenken, ob in guter oder heuchlerischer Absicht veranstaltet, meint der Autor, sei "von deutscher Seite, sowohl gesellschaftlich wie staatlicherweise, in Besitz genommen worden, um deutsche nationale Deutungsbedürfnisse zu erfüllen". Dem mag gewiß so sein - warum auch nicht? -, aber darum scheint es Bodemann gar nicht in erster Linie zu gehen.

          Was ihn beunruhigt, ist das mit derlei Gedenkveranstaltungen verbundene "ausufernde Erinnern". Denn, so schreibt er, "Erinnern bedeutet gleichzeitig vergessen". Da die Individuen im Publikum des Gedächtnistheaters glaubten, sich zu ihrer Entlastung darauf berufen zu können, von den Umtrieben ihrer Gesellschaft weder beeinflußt gewesen zu sein noch gewußt zu haben, verdecke ein inflationäres Erinnern das Geschehen. Ja, das Erinnern selbst mache vergessen.

          Ob aber nun zu viel oder zu wenig Erinnern stattfindet, ob es vom Staat, von den Kirchen, von öffentlichen Institutionen oder privaten Initiativen für ihre Zwecke benutzt wird - was der mit emotionaler Vehemenz argumentierende Autor nicht zu sehen scheint oder nicht erkennen will, ist, daß das "Gedächtnis", von dem hier die Rede ist, nicht als exklusiver Besitz von Individuen betrachtet werden kann. Die Unklarheit über die individuelle Verantwortung nimmt dem Gedenken daher auch nicht seinen Sinn. Bodemanns Klagen sind ein eklatantes Beispiel dafür, wie falsch es ist, Erinnern und Vergessen ausschließlich als Eigenschaften der individuellen Mentalität anzusehen. Erinnern und Vergessen sind eher als eine soziale Aktion anzusehen. Das verleiht den Gedenkveranstaltungen gleich welcher Art ihre besondere Bedeutung, wenn es dem einen oder anderen auch ihrer zu viele geben mag.

          Schimmert schon in diesem ersten thematischen Komplex des Buches der Vorwurf einer Ausbeutung der in Deutschland lebenden jüdischen Minderheit zu eigennützigen politisch-ideologischen Zwecken durch, so wird dies dann über mehrere Kapitel hin umfassend entwickelt, und zwar nach zwei Seiten hin. Bodemanns These ist hier, daß Staat, Publizistik und ein Großteil der Öffentlichkeit den Juden in durchaus mißbräuchlicher Absicht schmeichelten und zu Gefallen seien - und daß die Juden, vertreten durch ihre geistigen Führer und etablierten Gemeinden, selbst tatkräftig an dem mitwirkten, was sie mit sich machen ließen.

          Zum Beweis führt der offensichtlich verbitterte Beobachter Bodemann vielerlei Interna an, Streitereien bis hin zu religiösen Gegensätzen. Er übergeht freilich den auf jedem in Deutschland lebenden Juden lastenden Druck, der drei Quellen hat: erstens die Gefühle des Schreckens, die die Erinnerung an das vergangene Deutschland weckt, zweitens den von außen kommenden Vorwurf des "Verrats" ("Wie kann man als Jude nur in Deutschland leben?") und drittens die Sorge um eine mögliche Beeinträchtigung der zionistischen Israel-Ideologie.

          Für oder gegen Gedenktage gerichtete Polemiken sollten nie vergessen, daß der Lauf der Geschichte die Juden in einem Maße das Fürchten gelehrt hat, daß selbst dort, wo jüdische Geistigkeit Einfluß auf historische Prozesse gewonnen hat, wie heute in Israel, der Zustand einer seit Jahrhunderten an- und abschwellenden Angst sich im konkreten Fürchten niederschlägt. Hieran versagen die Argumente des Soziologen Bodemann. ALPHONS SILBERMANN

          Y. Michal Bodemann: "Gedächtnistheater". Die jüdische Gemeinschaft und ihre deutsche Erfindung. Mit einem Beitrag von Joel Geis. Rotbuch Verlag, Berlin 1996. 211 S., geb., 38,- DM.

          Weitere Themen

          „Parasite“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Parasite“

          „Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

          Topmeldungen

          Donald Trump und Liu He, Vizepremier von China, gemeinsam in Washington. Infolge des Handelskriegs mit Amerika habe die Korruption in Chinas Privatwirtschaft wieder zugenommen, berichtet Philipp Senff von der Wirtschaftsanwaltskanzlei CMS in Schanghai.

          Vorfälle der Deutschen Bank : In China lauert die Korruption bis heute

          Mit teuren Geschenken an chinesische Politiker wollte sich die Deutsche Bank Vorteile verschaffen. Der Fall lenkt den Blick auf ein Land, das trotz Mühen immer noch unter Bestechung leidet – auch wegen des Handelskriegs mit Amerika.
          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.