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Rezension: Sachbuch : Eric Hebborns Selbsthilfebuch

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Anleitung zum Nachempfinden

          Als er letztes Jahr in Rom unter immer noch ungeklärten Umständen starb, hatte sich Eric Hebborn auf besondere Art einen Platz in der Kunstgeschichte gesichert, nicht als Künstler, sondern als Kunstfälscher.

          Denn als begabter Zeichner war er nach Abschluß des Studiums an der angesehenen Royal Academy of Art in London von einem Restaurator eingestellt worden und hatte gelernt, sein Talent auf dem Kunstmarkt einzusetzen: Piranesi, Tiepolo, Bassano, van Dyke - alle hat er nachgeahmt, und einige seiner Bilder sollen in renommierten öffentlichen und privaten Sammlungen hängen. Aus der Abgeschiedenheit eines Palazzo in Tivoli bei Rom, wo er seit den sechziger Jahren lebte, gelang es Hebborn, unzählige "neue alte Meister", wie er seine Bilder nannte, auf den Markt zu bringen: Einfaches Kopieren war nicht seine Sache, sondern er malte "im Stile" bekannter Meister neue Bilder.

          Seine Enttarnung Ende der siebziger Jahre schadete dem Geschäft nicht im geringsten, vielmehr wurde er durch den Skandal noch berühmter als vorher. Die BBC drehte eine Dokumentation über ihn, in der er die Gelegenheit zur Selbstdarstellung geschickt wahrnahm, und in einer eigenen Fernsehsendung bot er eine höchst eigenwillige Geschichte der Kunst aus der Sicht des Fälschers und zeigte, wie man's macht. Vor laufenden Kameras entstanden Tiepolos und Bassanos, gingen Sein und Schein ineinander über. In seiner Autobiographie, die 1992 veröffentlicht wurde, sorgte Hebborn für Aufregung, indem er Bilder aus großen Museen zu eigenen Werken erklärte und glaubwürdig beschrieb, wie sie ihm so gut gelungen waren, daß sie Experten täuschen konnten. Hebborn plauderte aus dem Malkästchen und machte Angaben über Papier, Farbe, Tinte und deren Verwendung, um einen "neuen alten Meister" herzustellen.

          Ganz genaue Anweisungen zum Fälschen aber liefert er erst in "The Art Forger's Handbook", des Kunstfälschers Handbuch. Das Buch erschien 1996 in italienischer Sprache - eine Woche später wurde Hebborn in einer Gasse in Trastevere mit eingeschlagenem Schädel aufgefunden, was erwartungsgemäß Spekulationen über seinen Tod auslöste. Jetzt ist dieses Selbsthilfebuch für Kunstfälscher auch in England veröffentlicht worden, wo es weniger Aufregung verursacht, als sich Hebborn gewünscht hätte. Denn daß er ein Großfälscher war, der Händler und Sachverständige jahrzehntelang düpiert und mit seinen Zeichnungen von "Alten Meistern" ein Vermögen verdient hatte, ist bekannt, und das Buch gibt keine wirklichen Geheimnisse mehr preis. Hebborn war ein Profi der Verstellung, und wie schon seine Autobiographie läßt auch seine Anleitung zum Fälschen immer wieder die Frage offen, ob seine Bekenntnisse ihrerseits echt oder falsch sind.

          Echt sind allemal seine umfassende kunstgeschichtliche Bildung, die er in gelehrten Zitaten und amüsanten Anekdoten vorführt, und ein konkretes maltechnisches Wissen, das er in der Beschreibung von Utensilien und Pigmenten zeigt. Das Buch enthält alles, was man schon immer über die Kunst des Kunstfälschens wissen wollte. Der frühere Direktor des Metropolitan Museums in New York, Tom Hoving, empfiehlt es allen Kuratoren, Händlern und Galeristen zur Lektüre; denn es mache auf Unzulänglichkeiten von Expertisen und Prüfverfahren aufmerksam. In der Tat erklärt Hebborn, wie man Wasserzeichen setzt, damit sie alt wirken; wie man das Papier wählt und wie man es bearbeitet; wie man die Leinwand spannt und wie man "den Staub der Jahrhunderte" aus dem Staubsauger holt und zwischen Rahmen und Leinwand setzt; wie man Pigmente zu historisch korrekten Farben mischt; wie man mit Olivenöl "alte" Flecken herstellt; wie man mit Weißbrot einer Zeichnung die "Patina der Zeit" gibt; wie man eine Unterschrift übt; wie man die Pinselführung nachstellt. (Der Rezensent des "Daily Telegraph" hat die Lektüre des Buches in die malerische Praxis umgesetzt und einen "Raffael" hergestellt, den er dann mitsamt seiner Rezension abdrucken ließ. Kein Hebborn, aber für einen Kritiker gar nicht so schlecht!)

          Von Talent spricht Hebborn nie. Um so öfter spricht er von Geld: Er beschreibt, wie man sich mit Galeristen und Sammlern zu verhalten hat und wie man die Preise vereinbart. Und er spricht von Kunst: Ohne Bewunderung für den Maler und ohne Ehrfurcht vor ihm, so Hebborn, kann man ihn nicht nachahmen. So erzählt Hebborn eine Art Geschichte der Kunst-Fälschung von der Antike über Michelangelo zu Turner - und reiht sich damit selbst in eine illustre Ahnengalerie ein. Denn eigentlich will er als Künstler gelten, will er seine Fälschungen als Erweiterung des OEuvres der von ihm gefälschten Maler verstanden wissen.

          Daß seine besondere Art von Kunst gesetzwidrig sei, scheint Hebborn nicht beschäftigt zu haben - er wurde trotz der Enthüllungen über ihn nie vor Gericht gestellt -, wohl aber den Verlag, der einen Vermerk macht: "Alle in diesem Buch beschriebenen Kunsttechniken dienen nur der Information und sollten nicht angewendet werden, ohne die gesetzlichen Folgen zu bedenken." Daß dank dieses Handbuchs eine neue Generation von Fälschern entsteht, ist schon deswegen nicht zu befürchten, weil Hebborns Methode zeichnerisches Können verlangt und darüber hinaus zeit- und arbeitsintensiv ist. Hebborn hatte viel Talent, aber er scheint auch schwer geschuftet zu haben. Die Schwierigkeiten seines Berufs überspielt das Handbuch des Kunstfälschers mit Humor und Selbstironie. STEFANA SABIN

          Eric Hebborn: "The Art Forger's Handbook". Cassell, London 1997, 200 S., zahlr. Abb., 20 Pfund.

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